Am 31. Mai 2026 steht der Pegel Konstanz bei 313 Zentimetern. Das historische Minimum für diesen Kalendertag — Messreihe ab 1864 — liegt bei 309 Zentimetern. Der Abstand zum Rekordtief beträgt vier Zentimeter.
Bild schreibt: „Deutschlands bekanntester See trocknet weiter aus."
Die Messstationen schreiben: Pegel 313 cm, Mittelwert 31. Mai: 394 cm, historisches Minimum: 309 cm.
Beides ist wahr. Nur eines davon ist präzise.
Was die Zuflüsse zeigen#
Der Bodensee hat keine Schleuse, keinen Staudamm, kein Regulierungsbauwerk. Er ist ein unregulierter Alpensee, dessen Stand direkt vom Zufluss abhängt. ~62 Prozent dieses Zuflusses kommt über den Alpenrhein — das entspricht im Mittel rund 215 von 347 Kubikmetern pro Sekunde.
Am 31. Mai 2026 fließen über alle zwölf Hauptzuflüsse zusammen nur 195 Kubikmeter pro Sekunde in den See — 44 Prozent unter dem Mittelwert. Der Netto-Wassersaldo ist negativ: Der See verliert derzeit 31,79 Kubikmeter pro Sekunde mehr, als ihm zuläuft.
Die Ursache ist dokumentiert: Das alpine Einzugsgebiet hat im Winter 2025/26 zu wenig Schnee bekommen. Die Schneeschmelze, die den Alpenrhein im Frühjahr normalerweise anschwellen lässt, fällt schwächer aus als im langjährigen Mittel. Das ist kein Wetter-Mystizismus, das lässt sich aus Zuflussbilanzen direkt ablesen.
Die Trinkwasser-Zahl#
17 Wasserversorger entnehmen zusammen 5,39 Kubikmeter pro Sekunde aus dem Bodensee. Davon fällt auf den Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, der ~5 Millionen Menschen in Baden-Württemberg versorgt, ein Nettoentzug von 4,12 Kubikmetern pro Sekunde.
Der mittlere Gesamtabfluss des Seerheins bei Konstanz beträgt 348 Kubikmeter pro Sekunde. Der Niederschlag, der direkt auf die Seefläche fällt, liefert 14,3 Kubikmeter pro Sekunde — 3,5-mal mehr als die Nettoennahme aller Wasserversorger.
Die genehmigten Kapazitäten für Entnahmen liegen bei 10,65 Kubikmetern pro Sekunde. Die tatsächliche Entnahme nutzt davon knapp die Hälfte. Die IGKB hält in ihrem Faktenblatt von Oktober 2024 fest: „Ein möglicher Mehrbedarf bei den Trinkwasserentnahmen wäre innerhalb der bestehenden Genehmigungen abdeckbar."
Trinkwasserentnahme und Pegelstand sind in der öffentlichen Debatte kausal verknüpft. In den Primärquellen taucht diese Verbindung nicht auf.
Was sich tatsächlich verändert#
Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee hat auf ihrer Kommissionstagung im Mai 2025 zwei Aussagen nebeneinandergestellt:
Erstens: „Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt des Bodensees sind mittlerweile erkennbar." Zweitens: „Die tiefen Pegelstände im Bodensee diesen Frühling hatten keine negativen ökologischen Auswirkungen auf den Bodensee."
Die LUBW hat die Messreihe von 1888 bis 2007 systematisch ausgewertet. Das Ergebnis: Die mittleren jährlichen Wasserstände fallen signifikant. Die höchsten Sommerstände fallen stark. Die niedrigsten Winterstände steigen.
Der See verändert seinen Jahresrhythmus. Er verlagert Wassermengen vom Sommer in den Winter. Die natürliche Jahresschwankung — im Mittel 1,2 Meter, in trockenen Jahren mehr als 2 Meter — ist dabei nicht verschwunden, sie verschiebt sich zeitlich.
Das ist ein messbarer Klimasignal. Er ist verschieden von „der See trocknet aus."
Das Gletscher-Paradox#
Die Schweizer Gletscher haben seit 2000 rund 40 Prozent ihres Volumens verloren. Dieser Rückgang hat einen kurzfristigen Effekt, der kontraintuitiv ist: Solange die Gletscher noch vorhanden sind und beschleunigt schmelzen, erhöht sich der Sommerzufluss in den Alpenrhein. Mehr Eis, das weg ist, bedeutet mehr Wasser, das im Augenblick fließt.
Erst nach dem sogenannten „Peak Water" — dem Punkt, an dem die schmelzende Eismasse so klein geworden ist, dass die Schmelzrate sinkt — dreht sich diese Dynamik um. Je nach Klimaszenario wird dieser Punkt für das Alpenrhein-Einzugsgebiet zwischen 2030 und 2060 erwartet.
Das aktuelle Niedrigwasser ist nicht Gletscherschwund. Es ist fehlender Schnee. Der Gletscherschwund wird später relevant — und wird sich anders äußern als das, was gerade messbar ist.
Was die 309 Zentimeter bedeuten#
Das absolute Minimum für einen 31. Mai am Pegel Konstanz stammt aus einer Messreihe, die 1864 beginnt. 162 Jahre Daten. Den niedrigsten Maistand seit dieser Aufzeichnung verzeichnet der 25. Mai 1972 mit 290 Zentimetern — also niedriger als heute.
Der aktuelle Stand ist ungewöhnlich früh im Jahresverlauf und deutlich unter dem langjährigen Mittelwert. Er ist kein gebrochener Rekord. Er ist ein markantes Niedrigwasserereignis in einem See, der solche Ereignisse kennt, dokumentiert und einordnen kann.
Die Messreihe existiert. Die Primärquellen sind öffentlich zugänglich. Was fehlt, ist die Bereitschaft, sie zu lesen, bevor eine Schlagzeile gesetzt wird.
Primärquellen: IGKB-Pressemitteilung 14.05.2025; IGKB-Faktenblatt Wasserentnahme, Oktober 2024; IGKB-Faktenblatt Klimawandel, März 2020; LUBW-Studie Langzeitverhalten Bodensee-Wasserstände 1888–2007 (ISBN 978-3-88251-361-5); bodenseee.net Echtzeitdaten (Quelldaten: LUBW/HVZ BW); Vorarlberg VOWIS Messreihe 1864–2024; WSL Gletscherbericht 2025.





