Die Marge#
38 Prozent Betriebsmarge. Nicht in einer Technologie-Nische, nicht bei einem Rüstungskonzern — bei einem Wissenschaftsverlag.
RELX, der britisch-niederländische Mutterkonzern von Elsevier, dem größten akademischen Verlag der Welt, wies 2024 einen Umsatz von über 3,5 Milliarden Euro aus. Die Betriebsmarge liegt bei rund 38 Prozent — höher als Apple in guten Jahren, höher als die meisten Software-Konzerne, die man gemeinhin als digitale Lizenzmaschinen bezeichnet.
Was Elsevier verkauft, ist ein Siegel. Das Siegel heißt Peer Review.
Was Elsevier dafür bezahlt: nichts.
Wer das Siegel ausstellt#
Peer Review funktioniert so: Ein Forscher reicht ein Manuskript ein. Der Verlag schickt es an zwei bis vier Gutachter. Diese Gutachter lesen das Manuskript, prüfen Methodik, Statistik, Quellenangaben, Schlussfolgerungen — und empfehlen Annahme, Revision oder Ablehnung. Der Verlag entscheidet, der Artikel erscheint oder nicht.
Die Gutachter arbeiten in ihrer Freizeit. Sie werden mit null Euro vergütet. In seltenen Ausnahmefällen gibt es Token-Honorare von 100 bis 150 Dollar — das deckt nicht annähernd den Zeitaufwand ab und ist, gemessen an Elseviers Marge, strukturell irrelevant.
Seit der Durchsetzung des Open-Access-Modells zahlen die Autoren zusätzlich: zwischen 2.000 und 5.000 Dollar pro Artikel als Article Processing Charge. Das begleicht in der Regel die Universität oder der Förderungsgeber — letztlich also Steuermittel oder Institutionsbudgets.
Das Modell ist präzise: Der Verlag trägt das Label, die Infrastruktur und die Marke. Die Wissenschaft trägt die Arbeit. Die Öffentlichkeit und die Institutionen tragen die Kosten.
Springer Nature verbucht 1,9 Milliarden Euro Umsatz (2024). Wiley kommt auf rund 2,1 Milliarden Dollar. Das ist kein Nischenmarkt.
Martinsried, Bayern — die Industrie dahinter#
Das Siegel wäre ein akademisches Problem, wenn nicht ganze Wirtschaftssektoren auf ihm aufgebaut hätten.
Im Innovationszentrum Biotechnologie in Martinsried, einem Vorort südwestlich von München, sitzen über 40 Unternehmen auf 26.000 Quadratmetern. 2022 flossen allein in diesen Standort 163 Millionen Euro Investorengeld. Nebenan: das Max-Planck-Institut für Biochemie, das Helmholtz Zentrum München, das Gene Center der LMU.
Der BioM-Cluster — das offizielle Netzwerk der bayerischen Biotechindustrie — zählte für 2025/26 in seinem eigenen Bericht 548 Unternehmen, 59.000 Beschäftigte, über 930 Millionen Euro Funding als Rekordwert, 26 neue Start-ups und 72 aktive klinische Projekte.
Diese Industrie trifft Investitionsentscheidungen. Sie beantragt Fördermittel. Sie baut Portfolios auf. Die Grundlage: peer-reviewed Publikationen.
Venture-Kapital fließt in Biotech-Unternehmen, weil ihre Technologie „in renommierten Journals publiziert" wurde. Due-Diligence-Prozesse prüfen das Publikationsprofil eines Gründers wie ein Finanzinstitut eine Bonitätsauskunft. Das Siegel ist keine akademische Fußnote — es ist Marktinfrastruktur.
Was EMA und FDA wirklich sagen#
An dieser Stelle ist Präzision entscheidend.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur schreibt in ihrer Policy 0070 fest, dass Zulassungsentscheidungen auf den vom Antragsteller eingereichten klinischen Rohdaten beruhen — nicht auf dem Peer-Review-Publikationsstatus. Die formale Zulassungsvoraussetzung ist ein Dossier, kein Journal-Artikel.
Die FDA ist partiell anders gestrickt: Ihr Konzept des „Significant Scientific Agreement" verlangt für Health Claims, dass diese in peer-reviewed Journalen publiziert wurden. Für Off-Label-Promotionen dürfen Pharmaunternehmen unter definierten Bedingungen nur peer-reviewed Artikel zirkulieren lassen.
De jure ist Peer Review keine universelle Zulassungsbedingung. De facto ist es das Marktvalidierungssystem, auf dem Investor-Relations, wissenschaftliche Positionierung und regulatorische Kommunikation aufbauen. Ein Unternehmen, das im Biotech-Markt operiert ohne peer-reviewed Evidenz, ist kein Unternehmen — es ist eine Idee.
Das Siegel ist der Vermittler zwischen Labor und Kapitalmarkt. Und dieser Vermittler wird ohne Vergütung betrieben.
Die Pandemie als Stresstest#
COVID-19 hat das System nicht gebrochen. Aber es hat sichtbar gemacht, wo die Risse verlaufen.
Im Mai 2020 erschien im Lancet — einem der renommiertesten Journals der Welt — eine Studie, die nahelegte, Hydroxychloroquin erhöhe die Sterblichkeit bei COVID-19-Patienten. Die Studie wurde von Regierungen und Gesundheitsbehörden zitiert, klinische Studien wurden gestoppt, die medizinische Praxis veränderte sich — bis herauskam, dass der Datensatz des Unternehmens Surgisphere frei erfunden war. Am 4. Juni 2020 wurde der Artikel retrahiert.
Der Prozess, der das hätte verhindern sollen — Peer Review — hatte versagt. Nicht weil die Reviewer inkompetent waren, sondern weil das System strukturell mit Geschwindigkeit und Volumen überfordert ist, wenn der Druck steigt.
Ulrich Dirnagel von der Charité brachte es auf den Punkt: „Weil wissenschaftliche Erkenntnis zur Pandemie gerade so wahnsinnig wichtig ist und gleichzeitig so schnell kommuniziert werden muss, haben manche Wissenschaftler die Qualitätsstandards gelockert."
Die Verlage haben diese Situation bewältigt: mit Preprint-Servern ohne Peer Review und einem erhöhten Publikationstempo bei gleichzeitig erhöhter Retraktionsrate in den Jahren 2020 bis 2022. Die Marge blieb.
Das Transparenzproblem#
Holst et al. dokumentierten 2022 — publiziert bei PMC — fehlende robuste Integrity-Policies an deutschen medizinischen Zentren. Eine Studie in PLOS Biology (2021) belegte systemische Lücken bei Data- und Code-Sharing sowie bei Interessenskonflikt-Offenlegungen in industriefinanzierten Publikationen.
Das sind keine Skandale. Das sind Strukturbefunde.
Ein System, das auf unbezahlter Freiwilligenarbeit läuft, wird bei erhöhtem Volumen und Druck nachlassen. Das ist keine moralische Aussage — es ist eine ökonomische. Wer für null Euro arbeitet, kann keine formale Haftung übernehmen. Wer für null Euro arbeitet, wird bei Kapazitätsengpässen als erstes ausfallen.
Was das Fundament trägt#
Die Verlage, um das klar zu sagen, sind keine Bösewichte. Elsevier betreibt eine Infrastruktur, die jahrzehntelang funktioniert hat. Springer Nature hat Programme zur Verbesserung der Review-Transparenz gestartet. Wiley hat in Open-Access-Umstellungen investiert.
Das ändert nichts an der strukturellen Frage: Ein Qualitätssiegel, das eine Milliarden-Industrie trägt, wird von Menschen ausgestellt, die dafür nicht bezahlt werden — in ihrer Freizeit, neben ihrer Haupttätigkeit, ohne formale Haftung für ihre Empfehlung.
Wenn eine Brücke aus Beton gebaut wird und der Betonprüfer ehrenamtlich tätig ist, in seiner Freizeit, unversichert — dann ist das keine Kritik am Prüfer. Dann ist das eine Aussage über die Brücke.
Der Cluster in Martinsried hat 930 Millionen Euro Funding auf dieser Brücke. 72 klinische Projekte laufen auf dieser Brücke. Regulatoren weltweit nutzen sie als Orientierungsrahmen.
Die Brücke steht. Die Risse sind dokumentiert. Und niemand fragt, ob der Prüfer gut geschlafen hat.





