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Der Mann, der die Labor-Debatte zur Verschwörungstheorie erklärte, hatte 'Gain of function' im eigenen Förderantrag stehen

Es gibt einen Satz, der seit 2021 öffentlich zugänglich ist, in einem 69-seitigen Förderantrag, finanziert aus Steuermitteln. Er lautet:

„Trotz des Gain-of-function-Ansatzes in diesen Experimenten glauben wir nicht, dass wir Viren mit erhöhter Virulenz oder DURC-Potenzial herstellen werden."

Der Antrag gehört zum Forschungsverbund RAPID — „Risk Assessment in Prepandemic Respiratory Infectious Diseases", gefördert vom Bundesforschungsministerium von 2017 bis 2022 mit rund vier Millionen Euro. Koordinator und Sprecher des Verbunds: Christian Drosten, Charité, Institut für Virologie.

Im Februar 2020 unterzeichnete derselbe Christian Drosten den Lancet-Brief — jene Erklärung von 27 Wissenschaftlern, die einen natürlichen Ursprung des Virus für das Wahrscheinliche erklärte und konkurrierende Annahmen, darunter die Labor-These, als „Verschwörungstheorien" bezeichnete.

Das sind zwei dokumentierte Fakten. Sie stehen nebeneinander, seit Jahren, ohne dass jemand sie nebeneinander legt. Genau das ist der Punkt.

Was wirklich belegt ist — und was nicht
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Bevor irgendeine Einordnung kommt, die Faktenlage, sauber getrennt. Wir bauen hier keinen Skandal auf einer Andeutung. Wir legen offen, was hält und was nicht.

Der GoF-Beleg existiert wörtlich. Der zitierte Satz stammt aus dem öffentlich einsehbaren Förderantrag selbst, nicht aus einer Sekundärquelle, nicht aus einem geleakten Dokument, nicht aus einer Interpretation. Wer behauptet, „Gain of function" sei Drosten von Kritikern angedichtet worden, irrt: der Begriff steht im Papier, das seine eigene Arbeitsgruppe eingereicht hat.

Die Reichweite des Belegs ist begrenzt — und das gehört in denselben Absatz. Der Antrag beschreibt loss- und gain-of-function-Experimente an kultivierten Zellen, nicht an Viren. Es geht um die Identifizierung von Wirtsfaktoren, nicht um die gezielte Erhöhung von Virulenz oder Übertragbarkeit an einem Erreger. Ein Charité-Sprecher erklärte 2025: „Die Gain-of-Function-Experimente im Forschungsverbund Rapid beziehen sich nicht auf Viren, sondern auf Kulturzellen und gehen mit keinerlei Risiko einher." Das ist die entlastende Lesart, und sie ist nicht aus der Luft gegriffen — der einschränkende Folgesatz steht im selben Antrag.

Wer aus diesem Beleg „Drosten betrieb Wuhan-Stil-Gain-of-Function an gefährlichen Viren" macht, überdehnt. Diesen Sprung machen wir nicht.

Der Lancet-Brief ist ebenso belegt. Drosten ist einer von 27 Unterzeichnern, die Erklärung erschien am 19. Februar 2020, ihr Wortlaut und die Unterzeichnerliste sind seit Jahren öffentlich. Dass mehrere Unterzeichner zugleich berufliche Verbindungen zu eben jener Forschung hatten, deren Risiken der Brief aus der Debatte nehmen sollte, ist seit 2021 breit dokumentiert.

So weit die Fakten. Jeder einzelne hält. Jetzt das, was sie zusammen ergeben.

Der Elefant im Raum
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Stellen wir die beiden Sätze nebeneinander, wörtlich.

Im eigenen Förderantrag: „Trotz des Gain-of-function-Ansatzes in diesen Experimenten…"

Im mitunterzeichneten Lancet-Brief, sinngemäß: Wer einen Laborursprung des Virus in Betracht zieht, verbreitet eine Verschwörungstheorie.

Man muss kein Virologe sein, um zu sehen, was hier nicht zusammenpasst. Gain-of-Function-Forschung ist genau der Mechanismus, der einen Laborursprung überhaupt denkbar macht — sie steht im Zentrum der Debatte, die der Lancet-Brief für beendet erklärte. Und ein Wissenschaftler, der den Begriff „Gain of function" im eigenen, öffentlich geförderten Antrag verwendet — und sei es für Zellkulturen, und sei es mit Risiko-Disclaimer — unterschreibt zeitgleich das Dokument, das die öffentliche Diskussion über den Laborursprung zur Verschwörungserzählung erklärt und damit abräumt.

Das ist kein Beweis für eine Verschwörung. Es ist etwas Nüchterneres und schwerer Wegzudiskutierendes: ein Interessenkonflikt. Eine Person, die in der Sache selbst tätig ist, prägt zugleich öffentlich die Regel, dass über die Sache nicht ergebnisoffen geredet werden darf. In jedem anderen Feld — Pharma, Finanzen, Baurecht — wäre das der Standardfall, bei dem man Befangenheit prüft, bevor man der Bewertung traut.

In Deutschland ist dieser Interessenkonflikt nie als solcher benannt worden. Nicht, weil die Fakten fehlen — sie liegen seit Jahren offen. Sondern weil das Benennen selbst unter denselben Verdacht gestellt wurde, den der Lancet-Brief etabliert hat.

Cui bono — wem nützt das Schweigen
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Die Frage ist nicht, ob Drosten in einem Wuhan-Labor saß. Er saß nicht dort, und niemand hier behauptet das.

Die Frage ist, warum eine dokumentierte Doppelrolle — Akteur in der GoF-nahen Forschung und Mit-Autor des Maulkorbs für die Laborursprungs-Debatte — in der deutschen Öffentlichkeit kein Thema sein darf, während dieselben Strukturfragen in den USA längst in Untersuchungsausschüssen, FOIA-Mails und Kongress-Berichten verhandelt werden.

Die entlastenden Argumente sind real und sie stehen oben: Zellkulturen, kein Pathogen, Risiko-Disclaimer. Aber ein Interessenkonflikt verschwindet nicht dadurch, dass die konkrete Tätigkeit harmlos war. Er besteht in der Konstellation — tätig sein und gleichzeitig die Debattenregeln setzen —, nicht im Ergebnis der Tätigkeit. Genau diese Unterscheidung wurde nie gemacht. Sie wurde übersprungen, indem man jeden, der sie machen wollte, ins Lager der Spinner schob.

Was das mit den ODNI-Files zu tun hat — und was nicht
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In den im Juni 2026 freigegebenen ODNI-Dokumenten taucht Drosten nicht als Akteur auf. Ein Volltext-Durchlauf über alle vier Teile ergibt zwei Treffer, beide in Literaturlisten. „RAPID" erscheint dort kein einziges Mal. Wer den Drosten-Strang als Inhalt dieses Release verkauft, hängt eine reale Faktenlage an die falsche Quelle — und macht sie damit angreifbar, obwohl die Fakten darunter stimmen.

Genau deshalb steht dieser Befund auf eigenen Beinen. Er braucht das neue Release nicht. Er braucht keinen frisch deklassifizierten Geheimdienstordner, kein „enthüllt"-Etikett. Förderantrag und Lancet-Brief liegen seit Jahren offen. Das Material war immer da. Was fehlte, war jemand, der die beiden Dokumente nebeneinanderlegt und beim Namen nennt, was dann sichtbar wird.

Präzision ist hier keine Frage des Lagers. Es ist keine Hetze, einen offenliegenden Interessenkonflikt einen Interessenkonflikt zu nennen. Und es ist keine Aufklärung, ihn weiter zu übersehen, nur weil das Benennen einmal als Verschwörungstheorie galt.

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