Am 12. Mai 2020, NDR-Podcast „Coronavirus-Update", Folge 40, sagte Christian Drosten:
„Es ist schwierig für einen aktiven Wissenschaftler in der Virologie zu sagen, dass ein Nobelpreisträger im Fach Virologie Unsinn verbreitet, aber das ist kompletter Unsinn."
„Dieses Thema ist einfach erledigt, auch wenn ein im Ruhestand befindlicher Nobelpreisträger in einer Talkshow darüber redet."
Der Gegenstand dieser Aussage: Luc Montagniers Behauptung vom April 2020, HIV-Sequenzen seien von Molekularbiologen absichtlich in SARS-CoV-2 inseriert worden.
Der Focus-Titel am nächsten Tag, 13. Mai 2020: „Kompletter Unsinn: Drosten widerlegt Labor-Theorie und bügelt Nobelpreisträger nieder."
Das sind zwei verschiedene Aussagen.
Was Montagnier behauptete#
Luc Montagnier — Nobelpreisträger 2008 für die Entdeckung von HIV — äußerte sich ca. Mitte April 2020 im französischen Sender CNews. Seine Kernbehauptung: Das Coronavirus enthalte gentechnisch eingefügte HIV-1-Sequenzen, das sei „das Werk von Fachleuten, von Molekularbiologen".
Montagnier stützte sich auf ein indisches Preprint auf bioRxiv (Pradhan et al., eingereicht ca. 31. Januar 2020), das vermeintliche HIV-Sequenzähnlichkeiten im SARS-CoV-2-Spike dokumentiert hatte. Die Autoren zogen das Preprint kurz nach Veröffentlichung selbst zurück — mit Verweis auf Kritik der Forschungsgemeinschaft an Methodik und Interpretation. Unabhängige genomische Analysen, u.a. von Trevor Bedford (Fred Hutchinson Cancer Research Center), zeigten, dass die fraglichen Sequenzen nicht HIV-spezifisch sind, sondern in zahlreichen anderen Organismen auftreten.
Drostens „kompletter Unsinn" adressierte diese These: absichtliche HIV-Insertion durch Molekularbiologen, belegt durch ein zurückgezogenes Preprint. Das ist kategorial verschieden von der allgemeinen Lab-Leak-Hypothese — der Frage, ob SARS-CoV-2 durch einen Unfall aus dem Wuhan Institute of Virology oder einem verwandten Labor entkommen sein könnte, ohne zwingend engineered zu sein.
Der Focus-Titel machte aus einem korrekten Urteil über eine spezifische, widerlegte These ein Urteil über die Laborhypothese im Allgemeinen. Das Zitat trägt diese Breite nicht.
Der 1. Februar 2020#
Dreieinhalb Monate vor dem Podcast-Zitat, am Abend des 1. Februar 2020, fand eine Telekonferenz statt — einberufen von Jeremy Farrar (Wellcome Trust). Teilnehmer: Francis Collins (NIH), Anthony Fauci (NIAID), Kristian Andersen, Andrew Rambaut, Robert Garry, Edward Holmes, Marion Koopmans, Ron Fouchier, Christian Drosten, Patrick Vallance, Neil Ferguson, Stefan Pöhlmann.
Was die Teilnehmer in den Stunden zuvor intern diskutierten: Andersen hatte Fauci am Abend des 31. Januar 2020 geschrieben, die Merkmale des Virus seien „inconsistent with expectations from evolutionary theory" — könnten auf Engineering hindeuten. Holmes schätzte sich intern mit rund 80 Prozent für Laborursprung. Ralph Baric war nicht eingeladen worden — wegen seiner Verbindungen zum WIV.
Francis Collins hielt in einer E-Mail fest, dass Drosten und Fouchier auf dem Call gegen Lab-Herkunft argumentierten — „with more forcefulness than necessary" (wörtlich Collins). Drostens eigene Worte im Call sind aus den verfügbaren Primärquellen nicht direkt dokumentiert; die „forcefulness"-Einschätzung ist Collins’ Formulierung über Drosten und Fouchier gemeinsam.
Drosten schrieb am 9. Februar 2020 intern, als die Gruppe sich bereits von der Lab-Leak-Hypothese abwandte: „Are we working on debunking our own conspiracy theory?"
Koopmans, Teilnehmerin der Telekonferenz, ist institutionell in anderem Kontext dokumentiert — die gemeinsame Geschichte der EU-Forschungsprojekte mit Drosten ist gesondert aufgezeichnet.
Drei Wochen nach dem Call: Proximal Origin, verfasst von Andersen, Rambaut, Lipkin, Holmes, Garry — veröffentlicht in Nature Medicine am 17. März 2020. Kernaussage: „Our analyses clearly show that SARS-CoV-2 is not a laboratory construct or a purposefully manipulated virus." Andersen war derjenige, der kurz zuvor intern geschrieben hatte, die Genommerkmale seien „inconsistent with expectations from evolutionary theory".
Die Verschiebung#
Süddeutsche Zeitung, Februar 2022. Drosten:
„Es wurden in Wuhan durchaus Sachen gemacht, die man als gefährlich bezeichnen könnte."
„Das hätte echt nicht sein müssen."
Gain-of-Function-Experimente mit Fledermausviren in Wuhan anerkannte er als problematisch. Lab-Leak hielt er zu diesem Zeitpunkt für „technisch unplausibel" — schloss ihn aber nicht mehr vollständig aus.
taz, ca. Januar 2025. Drosten:
„Je mehr Zeit vergeht, desto skeptischer werde ich."
„Politik sollte klarere Anforderungen an China stellen, jetzt wirklich zu beweisen, dass es aus der Natur kommt."
Er äußerte ein „ungutes Gefühl" bei der Lektüre mancher Arbeiten chinesischer Virologen bezüglich Sicherheitsstandards. Natürlicher Ursprung sei weiterhin „wahrscheinlicher" — aber zunehmende Skepsis ist formuliert.
Keine der in diesen Interviews verfügbaren Quellen enthält eine direkte Kommentierung der „kompletter Unsinn"-Aussage aus 2020.
CIA, Januar 2025#
Am 25. Januar 2025, auf Anordnung von CIA Director John Ratcliffe declassified: Die CIA hält Laborursprung für „more likely" als natürlichen Ursprung — bei niedrigem Konfidenzniveau. Keine neuen Belege, Neubewertung bestehender Daten.
Department of Energy: Lab-Leak wahrscheinlicher, niedriges Konfidenzniveau. FBI: Lab-Leak wahrscheinlicher, mittleres Konfidenzniveau (seit 2021 konsistent).
Die dominante Einschätzung der Peer-Review-Literatur bleibt zoonotischer Ursprung. Die Frage ist offiziell offen, solange China vollständigen Datenzugang verwehrt.
Was bleibt#
„Kompletter Unsinn" war eine korrekte Einschätzung von Montagniers HIV-Insertions-These — einer These, die auf einem zurückgezogenen Preprint basierte und durch unabhängige genomische Analysen nicht gestützt wurde.
Der Focus-Titel „Drosten widerlegt Labor-Theorie" war breiter als das Zitat. Die allgemeine Lab-Leak-Hypothese ist durch diesen Satz nicht adressiert worden — und Drostens eigene Formulierungen zwischen 2022 und 2025 zeigen, dass er das selbst so nicht mehr fasste.
Was zwischen dem 1. Februar 2020 und dem 17. März 2020 in der Gruppe um Proximal Origin geschah — von „inconsistent with expectations from evolutionary theory" zu „clearly show that SARS-CoV-2 is not a laboratory construct" — ist ein separater Befund. Er ist in den E-Mails dokumentiert.
Weiterführend auf elizaonsteroids.org:
- Das EU-Forschungsnetzwerk dahinter — CORDIS-Befunde zu Corman et al. 2020 und den institutionellen Verbindungen zwischen Koopmans, Drosten und den Koautoren
- Oktober 2019: Die EU übte die Unterdrückung der Labortheorie — Wiesendanger zu Proximal Origin, ECDC-Planspiel und dem Netzwerk dahinter





