Der Film „Schweizer Coronadenkmal" (recheck.ch, 2025) von Serena Tinari und Katharine Riva stellt eine Frage, die kein Schweizer Leitmedium gestellt hat: Wer hat die Forschungsagenda während COVID-19 kontrolliert — und wer hat gleichzeitig die Gelder dafür verteilt?
Eine der Antworten heißt Marcel Egger.
Zwei Stühle, eine Person#
Marcel Egger war von 2017 bis 2024/25 Mitglied des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) — der Körperschaft, die in der Schweiz Forschungsgelder vergibt und Forschungsprojekte selektiert. Ab April 2020 leitete er gleichzeitig als Chair die Swiss COVID-19 Science Task Force (NCS-TF) — die Körperschaft, die dem Bundesrat wissenschaftliche Empfehlungen für die Pandemiepolitik lieferte.
Das ist dokumentiert. Belegt auf snf.ch, ispm.unibe.ch und ncs-tf.ch. Nicht bestritten.
Die Frage ist nicht: Hat Egger etwas Illegales getan? Die Frage ist: Was bedeutet es strukturell, wenn dieselbe Person gleichzeitig bestimmt, welche Forschung in der Schweiz gefördert wird — und welche wissenschaftlichen Leitlinien daraus entstehen?
Das Strukturproblem#
Wer die Forschungsgelder vergibt, entscheidet, welche Fragen überhaupt erforscht werden. Wer die Task Force leitet, entscheidet, welche Forschungsergebnisse als Grundlage für Politikempfehlungen gelten.
Wenn beide Rollen bei einer Person liegen, braucht es keinen bösen Willen — es entsteht ein Selektionsmechanismus. Geförderte Forschung neigt dazu, Fragen zu stellen, die innerhalb des bestehenden Konsenses bleiben. Leitlinien, die auf geförderter Forschung basieren, verstärken diesen Konsens. Der Kreislauf ist selbstreferenziell und braucht keine Steuerung von außen, um zu funktionieren.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Wissenschaftssoziologie.
Was der Film zeigt#
Schweizer Coronadenkmal (recheck.ch, 2025)
Serena Tinari und Katharine Riva haben mit „Schweizer Coronadenkmal" eine Bestandsaufnahme gebaut, die keine Behauptungen braucht — die Struktur spricht für sich. Wer Forschungsgelder vergibt, wer Leitlinien setzt, wer im Bundesrat gehört wird: das ist eine Personenliste, keine Theorie.
Eggers Doppelrolle ist ein Beispiel für ein System, das nicht auf Böswilligkeit angewiesen ist, um Einseitigkeit zu produzieren. Es braucht nur Konzentration an einer Stelle: dieselbe Person im Finanzierungsgremium und im Politikberatungsgremium.
Die Frage, die keine Mainstream-Redaktion gestellt hat: Hätte ein SNF-Forschungsrat ohne Task-Force-Mandat zu anderen Förderentscheidungen geführt — und wären dann andere Stimmen im Bundesrat gelandet?
Wir wissen es nicht. Das ist das Problem.
Quellen: snf.ch (Forschungsratsmandate), ispm.unibe.ch (Egger-Profil), ncs-tf.ch (Task Force Zusammensetzung).





