Die Hoffnung war real: Donald Trump zurück im Weißen Haus, bekannt für seine Aussagen zugunsten einer Verhandlungslösung in der Ukraine, und Wladimir Putin, der seit Jahren signalisiert, dass eine Einigung möglich sei — wenn die Sicherheitsinteressen Russlands respektiert würden. Doch was ist daraus geworden?
Der Publizist und frühere ARD-Korrespondent Christoph Hörstel nimmt in einem aktuellen Interview die Lage nüchtern auseinander — und kommt zu einem ernüchternden Befund: Trump kann nicht liefern, was Putin braucht. Und solange das so ist, wird der Krieg weitergehen.
Das strukturelle Problem: Trump und die Grenzen seiner Macht#
Hörstel erinnert daran, dass Trump bereits in seiner ersten Amtszeit — 2017 — ankündigte, Putin treffen und mit Russland eine Einigung erzielen zu wollen. Bis zum ersten persönlichen Treffen vergingen eineinhalb Jahre. Und als Trump es wagte, ohne Aufpasser mit Putin zusammenzusitzen, titelten US-Medien: „Trump verkauft Amerika an Russland."
Das Muster wiederholt sich. Trumps Sondergesandter Witkoff versichert den Russen regelmäßig, dass Trump guten Willen zeige. Doch konkrete Zusagen — echte Sicherheitsgarantien, klare Vereinbarungen über den Status der besetzten Gebiete, verbindliche Neutralitätszusagen für die Ukraine — bleiben aus.
Hörstels Erklärung: Trump regiert nicht allein. Die institutionellen Kräfte in Washington, Geheimdienste, Außenpolitikestablishment und transatlantische Netzwerke, begrenzen seinen Handlungsspielraum erheblich. Ein US-Präsident, der in diesem System einen echten Kurswechsel gegenüber Russland vollziehen will, stößt auf strukturellen Widerstand.
Was Putin braucht — und nicht bekommt#
Die russische Position lässt sich nach Hörstels Analyse auf einen Kern reduzieren: Russland kann einen Waffenstillstand nicht akzeptieren, der die Ukraine als potenzielle Bedrohung belässt. Das schließt drei Dinge ein: keine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, keine westlichen Truppen auf ukrainischem Boden und verbindliche Garantien für die russischsprachige Bevölkerung in den noch nicht besetzten Regionen.
Hinzu kommt ein Vertrauensproblem. Das Minsker Abkommen — das Putin öffentlich als Friedenschance begrüßt hatte — wurde, wie führende westliche Politiker später selbst einräumten, von Anfang an nicht als ernstgemeinte Vereinbarung behandelt, sondern als Zeitkauf zur Aufrüstung der Ukraine. Wer das weiß, wird dem nächsten Abkommen ohne harte Fakten nicht trauen.
Hörstel argumentiert, dass Putin in dieser Lage keine Veranlassung sieht, die militärische Überlegenheit, die Russland inzwischen errungen hat, gegen vage Versprechen einzutauschen. Für ihn ist nicht nur Russlands territoriale Kontrolle auf dem Spiel — sondern die Frage, ob die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine jemals unter Schutz gestellt wird.
Das nukleare Risiko#
Der schärfste Teil von Hörstels Analyse betrifft das Eskalationsszenario. Sollte die NATO jemals versuchen, Russland konventionell militärisch zu besiegen, wäre das nukleare Konsequenzen nach sich ziehen — darin ist er unmissverständlich. Die konventionelle NATO-Überlegenheit existiert auf dem Papier, aber eine funktionierende gemeinsame Kriegsführung ist unter 30 Mitgliedsstaaten mit unterschiedlichen Interessen kaum herzustellen.
Was die Lage zusätzlich verschärft: Bestimmte strategische Analysen — er bezieht sich auf Planungsdokumente des amerikanischen RAND Corporation — haben eine Szenario-Logik entwickelt, in der auf eine Phase reduzierter Kampfintensität ab 2025–2026 eine erneute Eskalation folgt. Waffenstillstand als Pause, nicht als Ende. Wiederaufrüstung der Ukraine in dieser Zeit — und dann ein nächster Schub.
Ob diese Analyse zutrifft, ist offen. Aber die Frage, welche Interessen an einer dauerhaften Beendigung des Konflikts eigentlich bestehen — auf welcher Seite — ist berechtigt.
Grönland und die Logik des rechtsfreien Raums#
Hörstel geht in dem Interview auch auf Trumps Grönland-Ambitionen ein und setzt sie in einen breiteren Zusammenhang: die Tendenz mächtiger Akteure — Staaten wie Konzerne —, Räume außerhalb etablierter Rechtssysteme zu schaffen oder zu erschließen. Grönland mit seiner dünn besiedelten Fläche, seinen Rohstoffen und seiner strategischen Lage in der Arktis würde sich für solche Zwecke anbieten.
Grönlands Kolonialgeschichte unter dänischer Herrschaft ist dabei kein Randaspekt. Dänemark hat dort über Jahrzehnte tiefe Einschnitte in die Kultur und das Sozialgefüge der Inuit vorgenommen — ein Erbe, das die heutige politische Stimmung auf der Insel prägt. Dass die Grönländer gegenüber amerikanischen Übernahmeabsichten skeptisch bis ablehnend reagieren, ist vor diesem Hintergrund verständlich.
Machtkonzentration und die neue Oligarchie#
Ein übergreifendes Thema des Gesprächs ist die Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht bei einer kleiner werdenden Gruppe globaler Akteure. Hörstel verwendet dafür den Begriff der „neuen Pharaonen" — Akteure, die sich außerhalb der klassischen nationalstaatlichen Rechtsordnung bewegen und ihre eigenen Spielregeln etablieren.
Das ist keine neue Beobachtung. Die Diskussion über die demokratische Rechenschaftspflicht gegenüber globalen Technologie- und Finanzkonzernen, über Steueroasen, Lobbymacht und die zunehmende Verflechtung von Regierungsberatern und Privatwirtschaft ist längst Mainstream — von Oxfam bis zum Weltwirtschaftsforum. Die Frage, wer am Ende über die Regeln entscheidet, wird dringlicher.
Was bleibt#
Hörstels Analyse ist pessimistisch, aber nicht fatalistisch. Seine Botschaft am Ende des Gesprächs ist eine des persönlichen Handelns: Wer auf Rettung von oben wartet, wartet vergeblich. Souveränität beginnt im Kleinen — im Vertrauen auf eigene Werte, eigene Netzwerke, eigene Urteilskraft.
Das ist eine unbequeme Botschaft. Sie entzieht sich dem politischen Links-Rechts-Schema, das viele Debatten dominiert. Und genau darin liegt vielleicht ihr Wert: die Forderung, die Dinge selbst zu denken — unabhängig davon, was die bevorzugte Partei gerade sagt.
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Das vollständige Interview:
Die Einschätzungen und Analysen in diesem Artikel geben die Position von Christoph Hörstel wieder und stellen dessen persönliche politische Bewertung dar.




