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Zwei von zehntausend — was die JAMA-Herzschutz-Studie belegt und was nicht

Karl Lauterbach twitterte am 15. Juni 2026: „Neue Studie in JAMA Internal Medicine zeigt deutlich: Die Coronaimpfung schützt das Herz." Kay Klapproth — Immunologe, freier Journalist und Vorstand des ida-Vereins in Heidelberg — antwortete: Die Kontrollgruppe sei zu 88,7 Prozent bereits grundimmunisiert — verglichen werde nicht Geimpft gegen Ungeimpft, sondern Boost-willig gegen Boost-müde. Das sei kein Nachweis von Herzschutz.

Beide haben etwas Richtiges gesehen. Beide überziehen — aber auf unterschiedliche Weise: Lauterbachs Fehler ist kommunikativer Natur, Klapproths methodischer Art und wiegt schwerer. Das ist kein Schiedsspruch zugunsten der Mitte — es folgt aus den Zahlen.

Was die Studie misst
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Die Studie: Cai M, Xie Y, Al-Aly Z: „2024–2025 COVID-19 Vaccine and Major Adverse Cardiovascular Events Among US Veterans", JAMA Internal Medicine, 15. Juni 2026, DOI 10.1001/jamainternmed.2026.1929. Design: propensity-gewichtete Beobachtungsstudie mit target-trial-emulation-Ansatz, Datenbasis US-Veteranensystem, 349.085 in der COVID-Gruppe, 690.574 in der Kontrollgruppe, 8 Monate Follow-up.

Der entscheidende Methodenbaustein ist der active comparator: Beide Gruppen haben in der Saison 2024/25 einen Influenza-Impfstoff erhalten. Eine Gruppe nahm gleichzeitig den aktuellen COVID-19-Booster, die andere nicht. Der Vergleich ist also nicht Geimpft gegen Ungeimpft — sondern Boost-Nehmer gegen Boost-Verweigerer, wobei beide Gruppen aktive Impfentscheider in derselben Saison sind.

Studiendesign: Beide Gruppen grippe-geimpft, eine zusätzlich COVID-geboostert
Beide Arme erhielten die Influenza-Impfung — der einzige Unterschied ist der zusätzliche 2024/25-COVID-Booster.

Dieses Design kontrolliert das sogenannte Healthy-Vaccinee-Bias (HVB): den systematischen Befund, dass Menschen, die Impfangebote wahrnehmen, ohnehin gesünder sind und gesünder leben als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ein Vergleich mit komplett Ungeimpften würde diesen Effekt nicht trennen können.

88,7 Prozent — die Zahl stimmt
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In Table 1 der Studie steht schwarz auf weiß: In der COVID-Impfgruppe hatten 97,3 Prozent bereits die COVID-19-Grundimmunisierung erhalten, in der Kontrollgruppe 88,7 Prozent. Klapproth hat die Zahl korrekt zitiert.

Was das bedeutet: Der Unterschied zwischen den Gruppen ist nicht die Impfgeschichte als solche, sondern primär die Entscheidung für oder gegen den aktuellen 2024/25-Booster. Die Studie vergleicht eine bereits weitgehend grundgeimpfte Veteranenpopulation — und misst, ob der Zusatzbooster innerhalb dieser Population einen messbaren Unterschied bei Herzereignissen macht.

Klapproths These: Wenn die Gruppen sich hauptsächlich in ihrer Boost-Bereitschaft unterscheiden, könnte die Boost-Gruppe schlicht gesundheitsmotivierter sein — auch jenseits des Influenza-Vergleichspunkts. Dieser sogenannte Adherer-Bias ist in der Methodikliteratur bekannt und bei active-comparator-Designs nicht vollständig a priori ausgeschlossen.

Die Frage ist, ob die Studie diesen Einwand überprüft hat.

Was die Negativkontrollen zeigen
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Sie hat es überprüft. In eTable 5 berichten die Autoren die Ergebnisse von Negativkontrollen: klinische Ereignisse, die biologisch nicht durch einen COVID-Impfstoff beeinflusst werden können. Wenn ein systematischer Selektionsbias existiert — wenn die Boost-Gruppe schlicht gesünder ist — würde dieser Bias auch bei Negativkontroll-Endpunkten einen scheinbaren „Schutzeffekt" erzeugen. Das ist der klassische Testmechanismus.

Die Autoren schreiben: „All negative control analyses produced null results, consistent with a priori expectations." Kein einziges Negativkontroll-Ergebnis zeigt einen signifikanten Effekt in irgendeiner Richtung.

Das ist der empirische Test genau für den Confounder, auf den Klapproth abzielt. Er wurde durchgeführt. Er hat nichts gefunden.

Dazu kommen eTable 4: zwölf Sensitivitätsanalysen mit alternativen Gewichtungsmodellen, anderen Propensity-Score-Schätzungen und multipler Imputation — „all consistent in both direction and magnitude with the primary analysis."

Das bedeutet nicht, dass jeder theoretisch denkbare Restbias ausgeschlossen ist. Negativkontrollen prüfen nicht jeden möglichen Confounder. Aber der spezifische gesundheitliche Selektionseffekt, auf den Klapproth zeigt, wurde gesucht — und nicht gefunden.

Was die Zahlen sagen
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Der gemessene Effekt (primärer Endpunkt: COVID-bedingte schwere kardiovaskuläre Ereignisse, MACE, 8 Monate Follow-up):

  • Gesamtpopulation: Vakzin-Effektivität 37,7 % (95 % CI 18,2–54,9), Risk Difference 2,0 von 10.000 (CI 0,9–3,7). Absolutes Risiko: 3,37 gegen 5,43 von 10.000.
  • Unter 65 Jahren: nicht signifikant.
  • 65–75 Jahre: nicht signifikant.
  • Über 75 Jahre: VE 50,7 % (CI 31,8–65,6), RD 5,5 von 10.000 — statistisch signifikant.
  • Einzelendpunkte (statistisch signifikant, teils mit weiten Konfidenzintervallen): Kardiovaskulärer Tod VE 57,9 % (95 % CI 25,2–78,2), Herzinfarkt VE 38,5 % (CI 4,3–62,3), Herzinsuffizienz-Hospitalisierung VE 41,9 % (CI 4,1–67,5). Herzinfarkt und Herzinsuffizienz-Hospitalisierung sind technisch signifikant — die untere CI-Grenze liegt knapp über null —, aber die weiten Intervalle zeigen Unterpowerung dieser Subgruppenanalysen.
  • Schlaganfall: VE 30,6 % (CI −24,7 bis 64,3) — nicht signifikant.
  • All-Cause-MACE (alle schweren Herzereignisse, nicht nur COVID-zugeordnete): VE 6,2 % (CI 3,8–8,9), RD 23,7 von 10.000 — zwölfmal so hoch wie der COVID-MACE-RD. Diese Spannung löst die Studie nicht vollständig auf. Mechanistisch erklärbar: Weil das absolute Herzrisiko dieser älteren Population hoch und der COVID-spezifisch zugeordnete Anteil ein kleiner Bruchteil davon ist, erzeugt selbst ein niedriger VE einen großen absoluten RD. Alternativ lesbar: Der starke Einbruch von VE 37,7 % auf 6,2 % könnte ein Signal dafür sein, dass ein Teil des primären Effekts aus Residualbias stammt, der sich bei eng definierten COVID-attributierten Endpunkten stärker auswirkt als bei allen. Beide Erklärungen passen zur Datenlage. Keine Seite in dieser Debatte stellt sich dieser Spannung.

Für eine geriatrische Hochrisikopopulation — Über-75-Jährige mit kardiovaskulärer Vorbelastung — ist ein RD von 5,5 von 10.000 über acht Monate kein irrelevanter Wert. Für die Allgemeinbevölkerung unter 75 zeigt die Studie keine signifikante Wirkung auf COVID-bedingte Herzereignisse.

Wo beide überziehen
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Lauterbach liest aus einem RD von 2 von 10.000, einer Signifikanz fast ausschließlich bei Über-75-Jährigen und einem All-Cause-MACE-Effekt von 6,2 % einen allgemeinen kardiovaskulären Impfschutz. Die Schlagzeile „Die Coronaimpfung schützt das Herz" ist breiter als das, was die Studie misst: einen altersabhängigen Booster-Effekt auf COVID-zugeordnete Herzereignisse in einer US-Veteranenpopulation.

Klapproth schlussfolgert, das Design mache den Befund methodisch ungültig. Das übergeht, was die Autoren dagegen gestellt haben: Negativkontrollen mit durchgehend null Ergebnis und zwölf konsistente Sensitivitätsläufe. Wer behauptet, der beschriebene Selektionsbias sei vorhanden, muss erklären, warum er sich in keinem einzigen Negativkontroll-Endpunkt niedergeschlagen hat.

Die Interessenstruktur liegt bei beiden offen: Lauterbach verteidigt mit dieser Studie eine jahrelange Impfpolitik und hat ein offensichtliches Interesse an einer breiten Herzschutz-Schlagzeile. Klapproth — Immunologe und freier Journalist — hat in der COVID-Debatte mit Methodenkritik an Impfstudien Profil gemacht; der Fachhintergrund macht seinen Einwand prüfenswerter als den eines Politikers, ersetzt aber nicht die Antwort auf die Negativkontrollen. Weder erklärt die Interessenlage das Argument, noch widerlegt sie es — aber sie erklärt die Intensität.

Was die Studie nicht sagt
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Die Studie ist an US-Veteranen durchgeführt: überwiegend männlich, älter, spezifischer Gesundheitsversorgungskontext. Die Übertragbarkeit auf die europäische Allgemeinbevölkerung ist nicht belegt und wird von den Autoren auch nicht behauptet.

Das fehlt in beiden Lagern: Lauterbach kommuniziert den Befund als allgemeinen Herzschutz, ohne die Populationsspezifik und die Altersabhängigkeit zu nennen. Klapproth kritisiert das Design, ohne auf die Negativkontrollen einzugehen. Die Methodik-Debatte, die öffentlich geführt wird, ist in beiden Lagern unvollständig.

Befund
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Cai et al. haben eine methodisch sorgfältige Studie vorgelegt — sorgfältiger als der öffentliche Streit um sie erkennen lässt. Das active-comparator-Design ist ein etabliertes Werkzeug gegen HVB. Die Negativkontrollen haben keinen systematischen Bias gefunden. Die Sensitivitätsanalysen sind konsistent.

Der gemessene Effekt ist real, klein und altersabhängig: 2 von 10.000 vermiedene COVID-bedingte schwere Herzereignisse über acht Monate in einer US-Veteranenpopulation, statistisch signifikant fast ausschließlich für Über-75-Jährige.

Wer daraus „Die Impfung schützt das Herz" macht, liest über die Zahlen hinaus. Wer das Design deswegen für ungültig hält, erklärt nicht, warum sich der beschriebene Bias in keinem der Negativkontroll-Endpunkte niedergeschlagen hat.

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