Ein Mann wird am 11. November 2021 geimpft. Kurz darauf erkrankt er, ein Verdachtsfall wird 2022 an das Paul-Ehrlich-Institut gemeldet. Drei Jahre später sucht er sich in den öffentlichen Tabellen des PEI — und findet sich unter „Meldejahr 2024".
Nicht 2021, das Jahr der Impfung. Nicht 2022, das Jahr der Meldung. Sondern 2024.
Das ist kein Tippfehler und kein Einzelfall. Es ist die Logik, nach der das PEI seine COVID-Impf-Verdachtsfälle ordnet. Und diese Logik hat eine Konsequenz, die niemand ausgesprochen hat: Sie löst die zeitliche Verbindung zwischen Impfung und gemeldetem Verdacht für jeden auf, der von außen draufschaut.
„Meldejahr" ist keine Macke — es ist eine offizielle Kategorie#
Man könnte das für ein Versehen halten. Ist es nicht. In den Pharmakovigilanz-Tabellen des PEI (Sachstand 31.12.2024) ist „Meldejahr" eine eigenständige, benannte Spalte — ausdrücklich getrennt vom Impfdatum und vom Datum der Reaktion. Die Tabellen unterscheiden gezielt zwischen „Alle Meldejahre 2020–2024" und einzelnen Jahrgängen wie „Meldejahr 2024".
Das Meldejahr ist also schlicht das Jahr, in dem die Meldung beim PEI eingegangen und erfasst wurde — nicht das Jahr, in dem geimpft, und nicht das Jahr, in dem die Reaktion aufgetreten ist. Spontanmeldungen, die mit Verzögerung eintreffen oder nachbearbeitet werden, landen im Jahr ihrer Erfassung. Der Fall des Geimpften von 2021 ist damit reproduzierbar und dokumentiert: Erfassung 2024 → „Meldejahr 2024". Kein Kuriosum, sondern Systemverhalten.
Warum das den Impfbezug in der öffentlichen Darstellung verschleiert#
Hier liegt der eigentliche Befund. Wer aus den öffentlich aufbereiteten Tabellen ablesen will, wie viele Verdachtsfälle auf Impfungen eines bestimmten Jahres entfallen, bekommt diese Frage nicht beantwortet. Die zentrale Achse — wann wurde geimpft, wann trat der Verdacht auf — ist in der dominanten Sortierlogik der veröffentlichten Tabellen schlicht nicht die Achse, nach der gezählt wird.
Stattdessen wird nach dem Verwaltungsereignis sortiert: dem Eingang beim Institut. Das ist für die interne Bearbeitung eine nachvollziehbare Größe. Für die öffentliche Auswertbarkeit ist es ein Schleier. Ein Verdachtsfall zur Impfung 2021 kann in der Statistik 2022, 2023 oder 2024 erscheinen — je nachdem, wann er den Weg durch die Erfassung gefunden hat. Zeitreihen, die ein Außenstehender bilden möchte, beziehen sich damit auf das Aktenjahr, nicht auf das Impfgeschehen.
Wer auf dieser Basis behauptet, ein bestimmtes Impfjahr sei besonders auffällig oder besonders unauffällig, rechnet mit einer Größe, die diese Aussage gar nicht hergibt. Das gilt in beide Richtungen — es taugt weder zum Alarm noch zur Entwarnung.
Was hier nicht der Befund ist#
Genau weil dieser Punkt trägt, ist es wichtig, ihn nicht zu überladen. Zwei naheliegende Vorwürfe halten der Prüfung nicht stand:
„Das PEI hat Todesfälle verschwinden lassen." In neueren Einzeltabellen tauchen weniger Todesfälle auf als in früheren Gesamtständen. Das PEI nennt dafür eine Begründung: im Pharmakovigilanzbericht zum Sachstand 31.12.2024 verweist es auf die Zusammenführung von Doppelmeldungen und auf geänderte Kausalitätsbewertungen nach neuen Informationen. Ob diese Erklärung den Schwund vollständig deckt, ist aus den öffentlichen Daten nicht unabhängig nachzurechnen — aber eine erklärte Reduktion ist kein verheimlichter Skandal. Wir behaupten ihn nicht.
„Die Zahl X belegt ein Signal." Eine einzelne Meldezahl — etwa zu einer bestimmten Diagnose über vier Jahre — sagt für sich genommen nichts, solange keine belastbare Vergleichsbasis aus der Zeit vor 2020 vorliegt. Eine solche öffentliche Baseline existiert nicht. Damit ist die nackte Zahl kontextfrei: kein Beweis für ein Signal, aber auch keine Entwarnung. Wer sie in die eine oder andere Richtung als Beleg nimmt, tut ihr Gewalt an.
Diese Disziplin ist kein Rückzug. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass der eine Befund, der trägt, ernst genommen werden kann.
Cui bono der Intransparenz#
Der Punkt ist nicht, dass das PEI Tote versteckt. Der Punkt ist subtiler und folgenreicher: Eine öffentliche Darstellung, die Verdachtsfälle nach dem Aktenjahr statt nach dem Impf- oder Reaktionsjahr in den Vordergrund stellt, verschleiert systematisch den zeitlichen Bezug zur Impfung — und das, ohne dass irgendwo eine Zahl gefälscht werden müsste.
Wer von einer ehrlichen Aufarbeitung der COVID-Impfkampagne spricht, muss bei der Bauart der Daten anfangen, nicht bei den Schlagzeilen. Eine Statistik, deren Hauptachse das Datum der Erfassung ist, beantwortet die eine Frage nicht, auf die es ankommt: Was folgte zeitlich auf die Impfung? Solange das so bleibt, ist jede Debatte über „auffällig" oder „unauffällig" ein Streit über Zahlen, die die Frage gar nicht messen.
Das ist die Intransparenz, die zählt. Sie schreit nicht. Sie sortiert.
Der Anstoß zu dieser Analyse kam aus einer Datenauswertung eines selbst betroffenen Lesers, der seinen eigenen Fall im PEI-Register zurückverfolgt hat. Die zugrunde liegende Sortierlogik („Meldejahr") wurde unabhängig gegen die öffentlichen Pharmakovigilanz-Tabellen des PEI (Sachstand 31.12.2024) verifiziert.





