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RCP8.5 ist offiziell tot — und niemand zieht die Schlagzeilen zurück

Medienkritik - Dieser Artikel ist Teil einer Serie.
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Im April 2026 erscheint im Copernicus-Journal Geoscientific Model Development ein methodologisches Übersichts-Paper, das in der breiten Klima-Berichterstattung praktisch nicht stattfindet. Autor: Detlef van Vuuren und das CMIP7 ScenarioMIP-Konsortium — die offizielle Arbeitsgruppe, die für das nächste IPCC-Bewertungszyklus die Emissionsszenarien definiert, auf denen die globale Klimamodellierung aufbaut.

Das Paper macht zwei Dinge:

  1. Es führt sieben neue Szenarien für CMIP7 ein.
  2. Es streicht drei extreme Pfade aus dem bisherigen Set — RCP8.5, SSP5-8.5 und SSP3-7.0 — mit einer Begründung, die in der Klima-Wissenschaft seit über zehn Jahren überfällig war:

„The CMIP6 high emission levels (quantified by SSP5-8.5) have become implausible, based on trends in the costs of renewables, the emergence of climate policy and recent emission trends."

Auf Deutsch: das Worst-Case-Szenario, das 15 Jahre lang Klimamodellierung, Studien und Schlagzeilen dominiert hat, ist nicht mehr plausibel — wegen sinkender Erneuerbaren-Kosten, etablierter Klimapolitik und tatsächlicher Emissionspfade, die deutlich unterhalb der RCP8.5-Annahmen liegen.

Das ist die größte methodologische Korrektur in der Klimawissenschaft seit zwei Dekaden. Sie ist passiert. Sie wurde nicht groß berichtet.


1. Was RCP8.5 war — und warum es fast überall stand
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RCP8.5 ist die Bezeichnung für ein Emissionsszenario, das 2011 für den fünften IPCC-Bericht (AR5) eingeführt wurde. Die Zahl 8.5 steht für 8,5 Watt pro Quadratmeter zusätzlicher Strahlungsantrieb bis 2100 — ein extremes Erwärmungsniveau von etwa 4–5°C zum Jahrhundertende.

Die Annahmen, die nötig sind, um RCP8.5 zu erreichen, waren von Anfang an extrem:

  • weltweit massiv steigender Kohleverbrauch (5–7-fach höher als heute)
  • kein nennenswerter Ausbau erneuerbarer Energien
  • keine Klimapolitik in den Schwellen- und Entwicklungsländern
  • Bevölkerungswachstum am oberen Rand der UN-Prognosen

Trotz dieser radikalen Annahmen — oder gerade wegen ihrer Drama-Tauglichkeit — wurde RCP8.5 in der Klimaforschung und in der medialen Übersetzung als „business as usual"-Szenario etiquettiert, also als das, was passiert „wenn nichts unternommen wird". Genau diese Etikettierung war die strukturelle Lüge: RCP8.5 war nie „business as usual". Es war das obere Extrem-Ende des Szenarienraums.

Hausfather & Peters dokumentierten das in Nature, Januar 2020, in einem Kommentar mit dem Titel „Emissions — the ‘business as usual’ story is misleading". Sie zählten: über die Hälfte aller Klima-Folgenstudien zwischen 2005 und 2019 nutzten RCP8.5 als Default-Szenario, oft ohne diese Wahl zu rechtfertigen oder als Worst-Case zu kennzeichnen. Aus dem Worst-Case wurde im Zitat-Echo ein Mainstream-Bild.


2. Was das Paper genau sagt — und was es nicht sagt
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Sauber getrennt:

Was das CMIP7-ScenarioMIP-Paper sagt:

  • Das Input-Szenario RCP8.5/SSP5-8.5 ist als Klima-Modellgrundlage nicht mehr plausibel.
  • Das neue obere Szenario projiziert 3°C bis 2100 (statt 3,9°C unter RCP8.5).
  • Künftige Klimamodellierung soll auf den sieben neuen Pfaden aufsetzen, nicht mehr auf RCP8.5.

Was das Paper nicht sagt:

  • Es nimmt keine Folgenbefunde zurück: nicht Arktis-Schmelze, nicht Meeresspiegel-Anstieg, nicht Ozean-Versauerung, nicht AMOC-Schwächung.
  • Es sagt nicht: „der Klimawandel ist Bullshit".
  • Es sagt nicht: „die Erderwärmung ist überschätzt".

Was zurückgenommen wurde, ist der Input (das Worst-Case-Emissionsszenario), nicht der Output (die Konsequenzbefunde). Das ist ein wichtiger Unterschied — und er erklärt, warum maximalistische Schlagzeilen wie „IPCC gibt zu, alles war Junk Science" (Watts Up With That, Daily Sceptic, Climate Depot, 5. Mai 2026) sachlich überdehnt sind und in jedem ernsthaften Faktencheck zerlegbar.

Was sachlich nicht überdehnt ist — und in jedem ernsthaften Faktencheck bestand hat: ein gigantischer Anteil der medialen und politischen Klima-Erzählung der letzten 15 Jahre fußte auf einem Szenario, das die Quelle selbst inzwischen für nicht plausibel hält.

Das ist der eigentliche Skandal.


3. Welche Schlagzeilen damit auf wackligen Füßen stehen
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Eine sehr unvollständige Liste von Studien-Genres, deren mediale Übersetzung typischerweise auf RCP8.5 als Default-Pfad fußte:

GenreTypische SchlagzeileRCP-Annahme
Hitzewellen-Tote bis 2100„Sechsmal mehr Hitzetote in Europa"RCP8.5
Meeresspiegel-Anstieg„Bis zu 2 Meter bis 2100"RCP8.5
Arktis-Eis-Verlust„Eisfrei ab 2030"RCP8.5
Ernteausfälle / Hunger„Hundertmillionen mehr Hungernde"RCP8.5
Klimamigration„1 Mrd. Klimaflüchtlinge"RCP8.5
Korallenriff-Sterben„99% der Riffe tot bis 2100"RCP8.5
Permafrost-Methan-Bombe„unaufhaltsame Rückkopplung"RCP8.5

In allen diesen Schlagzeilen ist nicht die Forschungsmethode falsch. Falsch ist die Default-Annahme über die Inputseite. Wenn man dieselbe Methode mit einem 3°C-statt-4,5°C-Szenario rechnet, kommen typischerweise 50–70% niedrigere Effekt-Zahlen heraus. Manche Befunde verschwinden in den statistischen Unsicherheits-Korridor.

Wer prüfen will, welche der ihm bekannten Klima-Schlagzeilen betroffen sind, kann eine simple Faustregel anlegen: jede Studie nach 2011, die als Worst-Case-Pfad „RCP8.5", „SSP5-8.5" oder „business as usual" nennt, bedarf jetzt einer Re-Bewertung gegen den neuen Szenarienkatalog. Das ist kein Feindesakt — das ist normale wissenschaftliche Hygiene.

Sie wird nicht stattfinden, wenn die Schlagzeile nicht stattfindet.


4. Die Diffamierung: wer war RCP8.5-Kritiker, wer wurde dafür rausgekickt
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Roger Pielke Jr. — Politikwissenschaftler an der University of Colorado, Boulder, mit klimawissenschaftlichem Schwerpunkt — argumentiert seit über zehn Jahren, dass RCP8.5 nicht als „business as usual" tauge. Seine empirischen Punkte (Emissionspfad liegt seit Jahren unter RCP8.5, Erneuerbaren-Kosten fallen schneller als RCP8.5 unterstellt, Kohle-Boom in Schwellenländern bleibt unter RCP8.5-Annahmen) sind heute Konsens des CMIP7-ScenarioMIP-Konsortiums.

Seine Karriere-Folgen für diese Position waren erheblich:

  • 2014: Nate Silvers Daten-Plattform FiveThirtyEight engagiert Pielke als Kolumnisten für Klima-Themen. Nach kurzer Zeit wird er nach öffentlichem Druck wieder entfernt — Vorwurf: er sei „Klimaleugner".
  • 2014: John Holdren, damaliger Wissenschaftsberater des US-Präsidenten Obama, veröffentlicht ein 6-seitiges Memo, das Pielkes Aussagen zu Wetter-Extremen zurechtweist. Pielke antwortet mit einer detaillierten Replik, die unbestritten bleibt — aber die Diffamierungs-Schicht hängt fest.
  • 2015: Demokratischer Kongressabgeordneter Raul Grijalva schreibt der University of Colorado, fordert Auskunft über Pielkes Drittmittelfinanzierung — eine McCarthy-artige Geste, die Pielke später als „academic intimidation" bezeichnet.
  • 2017–2025: Pielke wird in Mainstream-Medien als „klimaleugnerisch" oder „industrienah" eingeordnet, obwohl seine wissenschaftliche Position niemals den menschengemachten Klimawandel bestreitet — sie bestreitet nur die Worst-Case-Default-Annahme RCP8.5.

Im April 2026 gibt das CMIP7-ScenarioMIP-Konsortium ihm in genau diesem Punkt recht, ohne den zehnjährigen Diffamierungspfad zu adressieren. Pielke schreibt selbst, nüchtern, in seinem Substack: „RCP8.5 is officially dead."

Niemand der Diffamierer entschuldigt sich. Niemand zieht eine Schlagzeile zurück. Die Apparate, die Pielke geächtet haben, lesen das Paper, übernehmen das neue Szenario stillschweigend — und schreiben die nächsten Studien, als wäre nie etwas gewesen.

Das ist nicht „Klima-Leugnung". Das ist akademisches Nachhause-Schmuggeln einer einst gesellschaftlich diskreditierten Position.


5. Das Muster: Quelle korrigiert sich, Echo-Maschine nicht
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Die Struktur dieser Geschichte ist nicht klimaspezifisch. Sie ist die gleiche, die Eliza in mehreren Strukturanalysen schon dokumentiert hat:

  • RKI-Files (siehe Drosten/RKI-Schwärzungen-Strukturanalyse): das interne Beratungsgremium dokumentiert Unsicherheiten, die externe Kommunikation tut so, als wären sie nicht da.
  • Spiegel-Skandalchronik (siehe hier): Bayer-Augstein-Stiftung bescheinigt Spiegels eigene Pandemie-Berichterstattung „einseitig, unkritisch, regierungsnah" — die Redaktion zitiert die Studie nicht.
  • Pandemie-Modellierung (siehe Lauterbach-WHO-Chef): Imperial College / Drosten-Modelle mit extremen Default-Annahmen werden als „Konsens" verkauft, obwohl Methodenkritik längst publiziert ist.

In allen Fällen:

  • Die wissenschaftliche Quelle korrigiert sich nach Jahren.
  • Die mediale Echo-Maschine nicht.
  • Die Kritiker des überdehnten Bildes wurden in der Zwischenzeit als „Leugner" markiert.
  • Die nachträgliche Korrektur erfolgt im Methoden-Anhang eines Fachjournals, nicht in der Tagesschau.

Das ist Arbeitsteilung, keine Verschwörung. Eine Quelle (IPCC/RKI/Imperial College) liefert die methodische Lockerungsschraube — und die Politik/Medien/Apparate haben die Zeit, in der das Maximalbild zirkulieren konnte, längst monetarisiert: Politik durchgesetzt, Karrieren aufgebaut, Förderkulissen gebaut, Industrieumsatz generiert. Wenn dann die methodische Korrektur kommt, ist die Aufmerksamkeitskurve schon abgeflacht und niemand muss zurücktreten.


6. Was ein präziser Befund erlaubt — und was er nicht erlaubt
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Erlaubt ist:

  • Die nüchterne Feststellung, dass RCP8.5/SSP5-8.5 als Default-Annahme bis April 2026 nicht hätte stehen dürfen — Hausfather & Peters haben das 2020 in Nature geschrieben.
  • Die Frage, welche politischen, administrativen und ökonomischen Entscheidungen der letzten 15 Jahre auf RCP8.5-Modellierung gestützt wurden — und welche davon mit dem 3°C-Szenario weiterhin tragen.
  • Die Aufdeckung der Diffamierungspfade gegenüber RCP8.5-Kritikern in derselben Periode, in der sie inhaltlich recht hatten.
  • Die Forderung an Mainstream-Medien, ihre eigenen Klima-Schlagzeilen-Archive nach RCP8.5-basierten Aussagen zu durchsuchen und Updates zu publizieren — analog zur „Stealth-Korrektur" bei Online-Artikeln.

Nicht erlaubt ist:

  • Die maximalistische Verkürzung „IPCC gibt zu, alles war Bullshit" oder „Klimawandel ist Junk Science". Diese Schlagzeilen geben dem Apparat genau das Werkzeug, das er braucht, um den realen Befund zu diskreditieren — und sie sind sachlich falsch.
  • Die Behauptung, der menschengemachte Klimawandel sei widerlegt. Das CMIP7-Paper widerlegt ihn nicht. Es korrigiert die Inputseite, nicht die Outputseite.

Wer die maximalistische Verkürzung übernimmt, spielt der Apparate-Logik in die Hände. Sie wird ihn zerlegen, dabei den Hauptbefund (RCP8.5 ist tot) mit der Verkürzung zerlegen, und das Echo bleibt unverändert stehen.


Schluss
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Die größte methodologische Korrektur in der Klimaforschung der letzten zwei Jahrzehnte ist im April 2026 stattgefunden. Sie wurde von der Quelle selbst publiziert — peer-reviewed, in einem Copernicus-Journal, mit Namen, Datum und Wortlaut. Sie ist nicht „kontrovers". Sie ist der neue Konsens.

Sie wird nicht groß berichtet, weil sie unbequem ist — für Politik, Medien, Förderpfade, Karrieren, Bestseller-Bücher, Aktivismus-Architekturen, Versicherungs-Modellierung, Stadtplanung, Bauauflagen und Kommunal-Klimanotstandserklärungen. Alles, was auf RCP8.5 als Default-Pfad kalibriert wurde, müsste neu gerechnet werden. Das wird nicht passieren, weil es zu viele Leute zu viel kostet.

Es wird passieren, dass das neue Szenario stillschweigend in die nächste IPCC-Generation eingebaut wird, dass die alten Schlagzeilen unkorrigiert im Archiv stehen bleiben, dass die nachgewachsene Generation von Journalisten und Politikern das alte Worst-Case-Bild als Konsens lernt, und dass die wenigen, die seit 2014 darauf hingewiesen haben, weiter als „Leugner" geführt werden.

Wer profitiert: alle, deren Apparat auf der maximalen Drohkulisse aufgebaut ist. Stiftungen, NGOs, Förderbürokratien, Aktivismus-Karrieren, Umwelt-Ressorts in Verlagen, Klima-Beratung, ESG-Reporting-Industrie.

Wer verliert: der Bürger, der politische Entscheidungen unter dem Druck einer Drohkulisse mitgetragen hat, die die Quelle selbst nicht mehr für plausibel hält. Und Pielke, der zehn Jahre als Leugner gehandelt wurde, weil er das vorher gesagt hat.

Wir nennen das nicht Verschwörung. Wir nennen es Echo-Trägheit — und sie ist asymmetrisch zugunsten derer, die die Echos hochgefahren haben. Die Korrektur findet im Methoden-Anhang statt. Die Verarbeitung der Korrektur findet hier statt.

Wir lesen weiter.


Quellen: Van Vuuren et al., „CMIP7 ScenarioMIP framework", Geoscientific Model Development (Copernicus), April 2026; Hausfather & Peters, „Emissions — the ‘business as usual’ story is misleading", Nature 577, 618–620 (2020); Roger Pielke Jr., „RCP8.5 is Officially Dead", Substack (2026); American Enterprise Institute, „RCP8.5 Is Officially Dead" (2026); Carbon Brief Explainer „The high-emissions ‘RCP8.5’ global warming scenario"; FiveThirtyEight-Pielke-Episode 2014 dokumentiert in Slate / Discover Magazine; Holdren-Pielke-Replik 2014 dokumentiert auf Pielke Jr.s eigener Website; Grijalva-Untersuchung dokumentiert in Science Magazine, März 2015. Cross-Links auf bestehende Eliza-Strukturanalysen wie verlinkt.

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