Es gibt einen deutschen Reflex, wenn ein großer Konzern Stellen abbaut: Man sucht den Schuldigen im Vorstandsbüro. Diesmal ist es Oliver Blume, der bei VW 50.000 Arbeitsplätze streicht und gleichzeitig Boni kassiert. Das ist ein bequemes Narrativ. Es stimmt auch – aber es erklärt nichts.
Denn das, was gerade bei Volkswagen passiert, ist nicht die Geschichte eines Managementversagens. Es ist das Endresultat eines Jahrzehnts systematischer Wirtschaftspolitik, die zuerst den Mittelstand in die Knie gezwungen hat – und jetzt die Konzerne erwischt. Gezahlt hat immer derselbe: der kleine Mitarbeiter unten.
Der Auslöser, der keiner ist#
Heute Morgen die Meldung: VW-Gewinn halbiert. Porsche praktisch bei null – Ergebnis minus 98 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Porsche, das Symbol deutscher Ingenieurskunst, das Gefühl Verbrennungsmotor, schiere Fahrfreude – gegen die Wand gefahren.
Der offiziell genannte Grund: „Marktlage in China." Das klingt nach Pech. Es ist kein Pech.
Gleichzeitig teilt VW mit, man habe im vergangenen Jahr 9 Millionen Autos verkauft – exakt so viele wie im Jahr zuvor. Der Umsatz ist kaum gesunken. Trotzdem bricht der Gewinn ein, trotzdem werden Zehntausende entlassen. Wer verkauft gleich viel und verdient halb so viel – der hat ein Kostenproblem, kein Absatzproblem.
Das Kostenproblem hat einen Namen. Mehrere, eigentlich.
2020: Das Ende der Selbsttäuschung#
Bevor Volkswagen in die Schlagzeilen geriet, hatten die kleinen Betriebe das Problem schon. Lange vorher.
Ab 2021 traf die explodierenden Energiepreise zunächst die Mittelständler am härtesten: den Bäcker, die Gießerei, den mittelgroßen Maschinenbauer. Energie war ihr größter Kostenfaktor – und Deutschlands Energiepolitik hatte sie zur teuersten in ganz Europa gemacht. Die Energiewende war, gemessen an ihrem Kernziel Versorgungssicherheit zu bezahlbaren Preisen, ein teures Experiment auf dem Rücken der Industrie.
2022 kam die Zuspitzung. Der Ukraine-Krieg ließ die Gaspreise explodieren und machte schlagartig sichtbar, was die Experten seit Jahren sagten: Deutschland hatte seine Industrie auf Billiggas aus Russland gebaut – und das war keine Naturgewalt, sondern eine politische Entscheidung.
Die Insolvenzzahlen im deutschen Mittelstand stiegen 2023 auf den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt. Die Meldungen gingen im politischen Rauschen unter. Kein Krisengipfel, keine Sondersitzung. Der Mittelstand stirbt leise.
Die Konzerne hielten sich damals noch. Sie haben Puffer, Rücklagen, internationale Absatzmärkte. Sie konnten den Schmerz exportieren – in Zeit und in Raum. Jetzt ist die Frist abgelaufen.
Der Verbrennungsmotor-Verrat#
Wer Porsche verstehen will, muss sich an eine Entscheidung erinnern, die in Brüssel getroffen wurde: Das EU-Verbrennerverbot ab 2035. Ein politisches Mandat, das den Markt per Dekret umdefinierte.
Volkswagen und Porsche reagierten so, wie deutsche Konzernchefs seit Jahrzehnten reagieren, wenn die Politik ein Programm ausgibt: Sie übererfüllten es. Sie investierten Milliarden in E-Mobilität, restrukturierten Entwicklungsabteilungen, kommunizierten offensiv die grüne Transformation. Nicht weil der Markt es verlangte – die Kunden kauften weiter begeistert Verbrenner –, sondern weil die politische Risikoabwägung es nahezulegen schien.
Toyota hat diesen Weg nicht mitgemacht. Toyota vertraute dem Kunden. Toyota läuft.
Das ist nicht Zufall, das ist Methode. In einer Marktwirtschaft entscheiden Konsumenten, was gekauft wird – nicht Beamte in Brüssel und nicht Vorstandsvorsitzende, die sich politisch absichern wollen. Volkswagen hat das Richtige für den Fernsehrat gemacht. Für den Markt war es falsch.
Hinzu kommt der Sonderfall Porsche in China. Jahrelang galt China als Wachstumsmotor. Porsche baute darauf. Doch der chinesische Markt hat sich verändert: BYD, SAIC, Geely – chinesische Hersteller bieten mittlerweile Fahrzeuge an, die technisch auf Augenhöhe sind, zu einem Bruchteil des Preises. Das trifft Premiumhersteller besonders hart. Eine eigene Entwicklungsabteilung für den chinesischen Markt – die Lösung, die Porsche jetzt plant – kommt fünf Jahre zu spät.
Das Niedersachsen-Problem#
Ein Faktor, der in der öffentlichen Debatte regelmäßig unter den Tisch fällt: Das Land Niedersachsen hält rund 20 Prozent an Volkswagen und hat Sperrrechte im Aufsichtsrat. Das bedeutet: Im wichtigsten Strategiegremium des größten europäischen Autokonzerns sitzen Delegierte aus dem niedersächsischen Landtag.
Volkswagen ist damit kein rein privatwirtschaftliches Unternehmen. Es ist ein Hybrid – halb Markt, halb Politik. Und dieser Hybrid produziert genau das, was solche Konstruktionen immer produzieren: Kompromissentscheidungen, die weder wirtschaftlich optimal noch politisch konsequent sind.
Die Arbeitnehmerseite, gestärkt durch die starke Mitbestimmungskultur und die Gewerkschaft IG Metall, hat betriebsbedingte Kündigungen in Wolfsburg lange verhindert oder verzögert. Das ist verständlich. Es ist auch Teil des Problems. Strukturwandel, der aufgeschoben wird, kommt als Krise zurück.
Das Muster: Mittelstand zuerst, dann die Großen#
Was gerade bei VW passiert, ist nicht neu. Es ist Phase zwei.
Phase eins lief zwischen 2021 und 2024 fast unbemerkt ab: Tausende kleine und mittelständische Betriebe gaben auf. Bäckereien, Metallbauer, Druckereien, Textilhersteller – sie alle kämpften gegen dieselben Kräfte: explodierende Energiekosten, aufgeblähte Bürokratie (Stichwort Lieferkettengesetz), Fachkräftemangel und ein Steuersystem, das Unternehmer bestraft statt fördert. Sie hatten keine Lobby, keine Aufsichtsräte mit Landtagsmandaten, keine Aktionäre, die Druck machen konnten. Sie verschwanden.
Phase zwei läuft jetzt. Die Großen sind nicht immun – sie sind nur verzögert. Thyssenkrupp, BASF (Kapazitätsverlagerung nach Übersee), Intel Magdeburg (Projekt gestoppt), Northvolt (Insolvenz, VW hatte investiert), jetzt VW. Die Liste wird länger.
Die Ursachen sind dieselben. Die Zahlen sind größer.
Wer zahlt? Immer derselbe.#
VW-Chef Oliver Blume bekommt Boni, weil der Cashflow gestiegen ist. Der Aktienkurs legte am Tag der Entlassungsmeldung zu. Das ist systemisch korrekt: Vorstände werden für Kursziele bezahlt, nicht für Beschäftigungszahlen.
Das Problem ist nicht der Bonus. Das Problem ist, dass das System so gebaut ist.
50.000 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz – viele davon gut bezahlte Fachkräfte, deren Lohnsteuer dem Staat fehlen wird, deren Kaufkraft dem lokalen Einzelhandel fehlen wird, deren Beitrag zur Rentenversicherung fehlen wird. Gleichzeitig klagt dasselbe politische System über Fachkräftemangel.
Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer Politik, die nie konsequent war: weder Markt noch Plan, sondern das Schlechteste aus beiden Welten. Subventionen für E-Autos einführen, dann abrupt streichen. Verbrennerverbot beschließen, dann wackeln. Planwirtschaftliche Industriepolitik betreiben und sich gleichzeitig Marktwirtschaft auf die Fahne schreiben.
Der Mitarbeiter, der jetzt seinen Kündigungsbescheid bekommt, hat das nicht entschieden. Er hat in dem System gearbeitet, das ihm zur Verfügung stand. Er trägt jetzt die Kosten einer Rechnung, die andere ausgestellt haben.
Was jetzt käme – und nicht kommen wird#
Die Diagnose ist klar: Deutschland braucht bezahlbare Energie, weniger Bürokratie, ein Steuersystem das Unternehmer nicht vertreibt, und eine Industriepolitik, die dem Markt vertraut statt ihn zu ersetzen. Das sagen Ökonomen seit Jahren. Das steht in Programmen, die nie umgesetzt werden.
Märzreden, wie sie der scheidende Wirtschaftsminister hält, klingen richtig. Handlungen fehlen. Diese Diskrepanz zwischen Wort und Tat ist keine Ungeschicklichkeit – sie ist strukturell. Wer im politischen System erfolgreich sein will, muss kurzfristig denken. Industriepolitische Fehler zahlen sich erst in fünf bis zehn Jahren aus. Dann ist jemand anderes zuständig.
Porsche hat den Verbrenner gegen den Elektromotor getauscht – und dabei fast alles verloren, was Porsche ausgemacht hat. VW hat mitgemacht. Niemand hat Stopp gesagt.
Der Kleine hat es immer gewusst. Er durfte es nicht laut sagen.
Quelle#
Diskussion auf Newslive vom 11.03.2026 mit Antje Hermenau und Rainer Zitelmann:
Quellen: Newslive-Sendung vom 11.03.2026, Statista Insolvenzzahlen Deutschland, VW Geschäftsbericht 2025, Eurostat Energiepreise Industrie
