Am 18. Mai 2026 beginnt die 79. Weltgesundheitsversammlung (WHA79) in Genf. Auf der Agenda steht der PABS-Annex zum WHO-Pandemievertrag — die Einigung darüber, wie Länder, die Pathogen-Daten teilen, an den daraus entwickelten Impfstoffen und Medikamenten beteiligt werden sollen.
Der Annex wird nicht fertig. Das ist seit Ende April bestätigt.
1. Was PABS ist#
PABS steht für Pathogen Access and Benefit-Sharing: ein System, das regeln soll, wie gefährliche Erreger-Daten mit dem globalen Gesundheitssystem geteilt werden — und was die Länder, die diese Daten liefern, dafür zurückbekommen.
Das Problem, das PABS lösen soll: Während COVID-19 entwickelten Pharmaunternehmen aus den USA und der EU Impfstoffe auf Basis von Virus-Sequenzen, die weltweit geteilt worden waren. Die Länder, die die Daten lieferten, bekamen die Impfstoffe zuletzt — wenn überhaupt. Reiche Länder kauften sich Kontingente vor. Entwicklungsländer warteten.
PABS soll dieses Muster institutionell aufbrechen: Wer Pathogen-Daten teilt, hat Anspruch auf Zugang zu den daraus entwickelten Produkten.
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| PABS | Pathogen Access and Benefit-Sharing |
| VTDs | Vaccines, Therapeutics, Diagnostics — die Produkte, um die es geht |
| IGWG | Intergovernmental Working Group — der Verhandlungskörper |
| WHA79 | 79. Weltgesundheitsversammlung, ab 18. Mai 2026 |
| INB | Intergovernmental Negotiating Body — Vorgänger des IGWG |
2. Was verhandelt wird — und woran es hängt#
Der WHO-Pandemievertrag selbst ist weitgehend fertig. Was fehlt, ist der PABS-Annex — der Mechanismus, der dem Vertrag Zähne gibt.
Entwicklungsländer (Africa Group, Group for Equity) fordern bindende Verträge: Wer Pathogen-Daten nutzt, um VTDs zu entwickeln, muss vorab Zugangszusagen machen.
Industrieländer — vor allem EU-Mitglieder mit starker Pharmaindustrie — lehnen bindende Verpflichtungen ab. Ihr Vorschlag: ein „Hybrid-Modell" aus freiwilligen und verbindlichen Elementen.
Was das Hybrid-Modell konkret bedeutet: Es entkoppelt den Zugang zu Pathogen-Daten von Benefit-Sharing-Verpflichtungen. Pharma-Unternehmen könnten Erregerdaten nutzen, ohne vorab Zugangszusagen zu machen. KP Gopakumar (Third World Network) fasste es direkt zusammen: Das „töte die Effizienz" eines zentralisierten Systems.
Der aktuelle Vertragstext: 10 % der VTD-Produktion sollen für Entwicklungsländer reserviert werden — und das nur während Pandemien, nicht bei breiteren Gesundheitsnotfällen.
3. Die offene Frage: Konsens oder Abstimmung#
Kolumbiens Botschafter Germán Velásquez schlug vor, das Einstimmigkeitsprinzip für die PABS-Verhandlungen aufzubrechen: „Progressive Consensus" — Mehrheitsabstimmung über Einzelpunkte, sobald eine qualifizierte Mehrheit erreicht ist, statt Einstimmigkeitspflicht.
Das ist die strukturelle Kernfrage. Solange ein Beschluss die Zustimmung aller 194 WHO-Mitglieder erfordert, genügt eine kleine Gruppe pharmafreundlicher Länder, um bindende Benefit-Sharing-Pflichten zu blockieren. Das ist kein Zufall — es ist die institutionelle Mechanik, die das Hybrid-Modell schützt.
Der Vorschlag wurde nicht angenommen. Verhandlungen verlängert bis 6.–17. Juli 2026.
4. Deutschland: Nicht nur Teilnehmer#
Parallel zu den PABS-Verhandlungen läuft eine andere Personalie. Die WHO öffnet Nominierungen für den Nachfolger von Generaldirektor Tedros. Deutschland, laut Health Policy Watch, könnte Helge Braun ins Rennen schicken — ehemaliger Chef des Bundeskanzleramtes unter Angela Merkel, CDU-Politiker.
Deutschland ist nicht in den 26 Teilnehmerländern der Polaris-II-Simulation gewesen. Das Robert Koch Institut war als Partnerorganisation dabei.
Wer das WHO-Generaldirektorat besetzt, entscheidet über Prioritäten, Ausbruchsklassifizierungen und — relevant — über die Umsetzung des Pandemievertrags, sobald er in Kraft tritt.
5. Was bei WHA79 passiert — und was nicht#
| Was passiert | Was nicht passiert |
|---|---|
| WHA79 beginnt 18. Mai 2026 | PABS-Annex wird nicht fertig |
| Pandemievertrag wird vorgelegt | Bindende Benefit-Sharing-Pflichten bleiben offen |
| IGWG-Bericht wird präsentiert | EU-Hybridmodell bleibt informell, kein Vertragstext eingereicht |
| WHO-DG-Nachfolge-Nominierungen laufen | Entscheidung über Tedros-Nachfolger noch nicht bei WHA79 |
| Polaris-II-Ergebnisse im WHO-Kontext | GHEC-Operationalisierung ohne PABS-Fundament |
Tedros selbst: „Key differences remain on key issues."
6. Die Struktur dahinter#
Das PABS-Verhandlungsmuster ist bekannt. Es ist dasselbe Muster wie bei TRIPS (WTO-Patentrecht) und bei der COVID-19-Impfstoffverteilung: Länder mit kapitalintensiver Pharmaindustrie sichern Verwertungsrechte, bevor bindende Zugangspflichten entstehen.
Was neu ist: Der institutionelle Rahmen — WHO-Pandemievertrag, GHEC, PABS — wäre dauerhaft. Nicht ad hoc wie COVAX, sondern Dauerinfrastruktur.
Die Frage, die WHA79 nicht beantwortet: Wer sitzt im PABS-Koordinierungsgremium? Mit welchem Mandat? Unter welcher Kontrolle?
Der Annex, der das regeln soll, kommt frühestens im Juli 2026.
Quellen: Health Policy Watch, Kerry Cullinan (04.05.2026 + 30.04.2026); WHO WHA79 Agenda; Health Policy Watch (30.04.2026, WHO-DG-Nominierungen).





