Es gibt ein Video von 1994. Friedrich Merz steht im Sauerland, grüßt Jäger, schwärmt von der Natur. Ein Fuchs mit Helmut Kohls Stimme wünscht ihm gute Nacht. Heile Welt, Hochsauerlandkreis, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.
30 Jahre später sitzt derselbe Mann im Bundeskanzleramt. Dazwischen liegt eine Karriere, die weniger mit dem Sauerland zu tun hat als mit den Vorstandsetagen des globalen Finanzkapitals. Die Geschichte von Friedrich Merz ist die Geschichte einer Kompetenzattrappe — eines Mannes, der Volksnähe inszeniert, während er seit Jahrzehnten in den exklusivsten Machtzirkeln der westlichen Welt operiert.
Der Lebenslauf, den man kennen sollte #
Die offizielle Version: Jurist aus Brilon, CDU-Karriere, Fraktionsvorsitzender, dann ein paar Jahre in der Wirtschaft, Comeback. Die vollständige Version liest sich anders.
Politische Karriere:
- 1989–1994: Mitglied des Europäischen Parlaments
- 1994–2009: Mitglied des Deutschen Bundestages
- 2000–2002: Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
- 2018: Kandidatur CDU-Vorsitz — verloren gegen AKK
- 2021: Kandidatur CDU-Vorsitz — verloren gegen Laschet
- 2022: CDU-Vorsitzender (94,62 % der Delegiertenstimmen)
- 6. Mai 2025: Wahl zum Bundeskanzler, 325 Stimmen im zweiten Wahlgang
Die andere Karriere:
- 2005–2021: Anwalt bei Mayer Brown LLP (Partner, dann Senior Counsel)
- 2009–2019: Vorsitzender der Atlantik-Brücke
- 2016–2020: Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Asset Management Deutschland
- Mitglied der Trilateralen Kommission (europäische Sektion)
- Gründungsmitglied Förderverein der INSM
- Vorstand von United Europe (2013–2020)
- Verwaltungsrat/Aufsichtsrat bei: AXA, BASF Antwerpen, Commerzbank, Stadler Rail, HSBC Trinkaus, IVG Immobilien, WEPA, Flughafen Köln/Bonn
Die Liste seiner Nebentätigkeiten ist so lang, dass er 2005 vor das Bundesverfassungsgericht zog, um die Veröffentlichung seiner Nebeneinkünfte zu verhindern. Er verlor.
BlackRock: Mehr als ein Nebenjob #
BlackRock ist nicht irgendein Unternehmen. Es ist der größte Vermögensverwalter der Welt. Stand Q4 2025: über 14 Billionen US-Dollar verwaltetes Vermögen. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt von China. BlackRock hält bei nahezu jedem DAX-Konzern Anteile — bei vielen als größter Einzelaktionär.
Von 2016 bis März 2020 war Friedrich Merz Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen BlackRock-Tochter. Sein Auftrag war dabei alles andere als ein Frühstücksdirektorenposten. Die Augsburger Allgemeine berichtete, BlackRock habe sich gefreut, “mit ihm einen Mann gewonnen zu haben, der viel mehr als ein Frühstücksdirektor mit dickem Adressbuch” sei.
BlackRock selbst formulierte es noch deutlicher: Merz solle “eine weiter gefasste Beraterrolle einnehmen, in der er die Beziehungen mit wesentlichen Kunden, Regulierern und Regulierungsbehörden in Deutschland für Blackrock fördern wird.” Das ist ein expliziter Lobbyauftrag.
Und Merz lieferte. Aus Bundestagsdrucksachen geht hervor, dass er sich im Auftrag von BlackRock mit hochrangigen Regierungsmitgliedern traf — darunter der damalige Finanzminister Olaf Scholz, Außenminister Sigmar Gabriel und Finanz-Staatssekretär Jörg Kukies. Noch am 20. März 2020 — wenige Tage bevor er seinen BlackRock-Posten offiziell niederlegte — sprach Merz mit Kukies über “aktuelle Finanzmarktfragen” im Auftrag von BlackRock.
Die Aktienrente: Wessen Interessen? #
Die Verbindungslinie führt bis in die Gegenwart. Im Februar 2026 verabschiedete die Regierung Merz Reformpläne zur Altersvorsorge, die auf eine stärkere Kapitalmarktanbindung setzen. BlackRock hatte sich bereits 2023 zweimal mit dem Finanzministerium zum Thema “Generationenkapital” und Aktienrente getroffen, wie CORRECTIV recherchierte.
Die Gesprächsagenda, die CORRECTIV vorliegt, enthielt die Frage: “Welche Rolle kann Blackrock dabei spielen?” Die taz kommentierte: “Merz als Cheflobbyist von Blackrock und dem dazugehörigen Klientel der Banken und Versicherungen.”
Larry Fink, CEO von BlackRock, ist übrigens Co-Chair des Board of Trustees des World Economic Forum. Die Verbindung zwischen Finanzindustrie und globaler Governance ist hier keine Spekulation, sondern eine offizielle Funktion.
Atlantik-Brücke: Zehn Jahre an der Spitze #
Von 2009 bis 2019 war Merz Vorsitzender der Atlantik-Brücke — eine der einflussreichsten transatlantischen Netzwerk-Organisationen Deutschlands. Der Verein bringt deutsche und amerikanische Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Militär und Medien zusammen. Mitglieder werden nicht öffentlich bekannt gegeben, Veranstaltungen finden unter Chatham House Rules statt.
Als Merz 2019 den Vorsitz abgab, folgte ihm Sigmar Gabriel — der frühere SPD-Außenminister, mit dem Merz sich kurz zuvor noch im BlackRock-Auftrag getroffen hatte. Die Parteifarbe wechselt, das Netzwerk bleibt.
Trilaterale Kommission: Eliten unter sich #
Merz ist Mitglied der europäischen Sektion der Trilateralen Kommission. Diese 1973 auf Initiative David Rockefellers gegründete Organisation vereint Spitzenvertreter aus Nordamerika, Europa und Asien-Pazifik. Die Finanzierung kommt von Konzernen, privaten Stiftungen und Milliardären. Ihr Zweck: informeller Austausch zwischen den Machteliten der drei großen Wirtschaftsblöcke.
Bilderberg: Der letzte Schliff #
Im Mai/Juni 2024, ein knappes Jahr vor seiner Kanzlerwahl, nahm Merz an der 70. Bilderberg-Konferenz in Madrid teil. Die offizielle Teilnehmerliste weist ihn als “Leader, CDU” aus. Neben ihm waren unter anderem Justizminister Marco Buschmann, Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt, Mathias Döpfner (Axel Springer) und Christian Sewing (Deutsche Bank) aus Deutschland vertreten.
Die Bilderberg-Konferenz folgt demselben Prinzip wie alle anderen Merz-Netzwerke: Chatham House Rules, keine offiziellen Ergebnisse, keine Protokolle, keine Rechenschaft. Auf abgeordnetenwatch.de wurde Merz nach den Inhalten des Treffens gefragt. Eine Antwort steht bis heute aus.
Die Bilderberg-Konferenz hat in der Vergangenheit als eine Art Casting-Show für künftige Spitzenpolitiker fungiert. Margaret Thatcher (1977), Tony Blair (1993), Emmanuel Macron (2014) — sie alle besuchten Bilderberg kurz vor ihrem Aufstieg an die Macht.
“Gehobene Mittelschicht” #
Im November 2018, während seiner ersten Kandidatur für den CDU-Vorsitz, wurde Merz nach seinem Vermögen gefragt. Seine Antwort: Er gehöre zur “gehobenen Mittelschicht.”
Zu diesem Zeitpunkt war er:
- Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland
- Vorsitzender der Atlantik-Brücke
- Partner/Senior Counsel bei Mayer Brown
- Verwaltungsrat bei Stadler Rail (Aktienpaket: 6,4 Millionen Euro beim Börsengang 2019)
- Besitzer einer Firma mit zwei Flugzeugen (Diamond DA62, Kennung D-IAFM)
- Aufsichtsrat bei diversen weiteren Unternehmen
Sein geschätztes Vermögen laut Vermögensmagazin: rund 12 Millionen Euro.
Wer sich mit einem zweistelligen Millionenvermögen und zwei Privatflugzeugen als Mittelschicht bezeichnet, hat entweder ein stark verschobenes Koordinatensystem — oder betreibt bewusste Desinformation über die eigene soziale Position.
Das Muster: Netzwerk-Mann spielt Volkspolitiker #
Was macht ein Mann mit diesen Verbindungen im Sauerland? Er dreht Wahlwerbevideos mit sprechenden Füchsen.
Das Muster ist so alt wie die politische Kommunikation selbst: Der Kandidat muss nahbar sein, volksnah, einer von uns. Dass Merz zwischen den Kampagnenvideos in den Aufsichtsräten globaler Konzerne saß und bei Bilderberg mit den mächtigsten Menschen der Welt speiste, passt nicht ins Bild. Also wird es ausgeblendet.
Die Lobby-Recherche von abgeordnetenwatch.de zur “Regierung Merz” zeigt: Es sind nicht nur Einzelfälle. Das gesamte Kabinett ist durchsetzt von Drehtür-Karrieren zwischen Wirtschaftslobby und Regierungsamt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kam direkt von der Eon-Tochter Westenergie. Digitalminister Karsten Wildberger war Vizepräsident des Wirtschaftsrats der CDU und Vorstandschef von Ceconomy (MediaMarkt/Saturn).
Was wir daraus lernen #
Friedrich Merz ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom. Die Frage ist nicht, ob ein Mensch mit diesen Verbindungen Kanzler werden darf — sondern ob ein demokratisches System funktioniert, in dem diese Verbindungen keine Rolle im öffentlichen Diskurs spielen.
Die Fakten liegen offen. Sie stehen in Bundestagsdrucksachen, in Lobbypedia, im Lobbyregister, in den Teilnehmerlisten der Bilderberg-Konferenz. Man muss sie nur lesen.
Dieser Artikel ist Teil der Serie Das Netz — Dokumentation von Machtnetzwerken und Eliten-Strukturen.
Siehe auch: Die Matrix der Netzwerke