Am 15. April 2023 ging Isar 2 vom Netz. Das Kernkraftwerk in Essenbach, eines der modernsten und effizientesten in Europa, produzierte zuverlässig Strom — ohne CO₂, ohne Engpässe, ohne nennenswerte Störfälle. Es hätte noch Jahrzehnte laufen können.
Jetzt plant Markus Söder Mini-Reaktoren für Bayern.
Was abgeschaltet wurde #
Isar 2 hatte eine Leistung von 1.485 Megawatt. Es versorgte rund 3,5 Millionen Haushalte mit Strom. Der Weiterbetrieb wäre technisch ohne großen Aufwand möglich gewesen — das bestätigten Gutachten, Betreiber und Teile der Fachwelt.
Die Abschaltung war kein technisches Urteil. Sie war ein politisches.
Und Markus Söder? War Teil dieser Politik. Bayern unter CSU-Führung hat die Abschaltung nicht verhindert. Man hat sie mitgetragen — laut protestierend nach außen, still zustimmend in den Entscheidungsräumen.
Was jetzt geplant wird #
Small Modular Reactors — SMRs, Mini-Reaktoren — sollen es richten. Die Technologie ist real, die Forschung vielversprechend. Aber: Kein einziges SMR läuft heute in Europa in kommerziellem Maßstab. Genehmigungsverfahren in Deutschland dauern im besten Fall zehn Jahre. Realistisch eher fünfzehn bis zwanzig.
Isar 2 hätte heute laufen können. Morgen. Nächstes Jahr. Ohne neue Genehmigung, ohne neue Milliarden, ohne neues Jahrzehnt des Wartens.
Was die Entscheider selbst sagen #
Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, nannte die Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke einen “strategischen Fehler”.
Friedrich Merz erklärte, die Entscheidung sei “irreversibel” — als wäre das Abschalten einer Turbine ein Naturgesetz und kein politischer Beschluss, den man rückgängig machen könnte.
Und Söder plant Mini-Reaktoren.
Man muss sich das kurz setzen lassen: Die gleiche politische Klasse, die funktionsfähige Kraftwerke abschaltet, erklärt die Abschaltung für unumkehrbar und plant gleichzeitig den teuren, jahrzehntelangen Wiederaufbau einer Kapazität, die man gerade erst mutwillig vernichtet hat.
Die eigentliche Frage #
Das ist keine Energie-Debatte. Es ist eine Governance-Debatte.
Wenn Entscheidungen dieser Tragweite — Abschaltung einer gesamten Technologie, die ein Land wesentlich mit Grundlaststrom versorgt — getroffen werden und wenige Jahre später von denselben Akteuren als “strategischer Fehler” eingestuft werden, ohne dass irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen wird: Was sagt das über das System?
Es sagt: Konsequenzen sind für andere.
Die Zeche zahlen Industriebetriebe, die abwandern, weil der Strom zu teuer ist. Mittelständler, die ihre Energiekosten nicht mehr stemmen. Haushalte, die mehr zahlen für weniger Versorgungssicherheit. Porsche, das einen Gewinneinbruch von 98 Prozent meldet. SAP, dessen Aktienkurs unter dem KI-Druck nachgibt, während die Standortbedingungen schwächer werden.
Die Entscheider planen Mini-Reaktoren.
Was rational gewesen wäre #
Isar 2 weiterbetreiben. Punkt.
Keine neuen Genehmigungen, keine neuen Milliarden, keine neue Technologie mit unklarem Rollout-Datum. Eine Entscheidung, die man 2023 noch hätte treffen können — und die man stattdessen durch das Ritual der öffentlichen Selbstgeißelung ersetzt hat, ohne die geringste praktische Konsequenz daraus zu ziehen.
Wer einen Fehler erkennt und ihn trotzdem für irreversibel erklärt, hat keine Überzeugung. Er hat Angst vor den politischen Kosten der Korrektur.
Schluss #
Mini-Reaktoren sind keine Energiepolitik. Sie sind ein Versprechen auf übermorgen — von Leuten, die gestern einen Fehler gemacht haben und ihn heute nicht eingestehen wollen.
Bayern hat Isar 2. Es läuft nicht mehr.
Bayern plant Mini-Reaktoren. Sie laufen noch nicht.
Dazwischen liegt eine Lücke von mindestens fünfzehn Jahren — und ein politischer Akteur, der beides verantwortet, ohne für beides zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Das ist nicht Energie-Inkompetenz. Das ist deutsches Regierungshandeln.
Teil vier einer Serie über Wahrheit, Institutionen und den Preis politischer Irrationalität.
Teil 1: “Ist Netanjahu tot?” — Desinformation im Krieg
Teil 2: Wenn der Bote erschossen wird