“Kinder sind nur wenig betroffen.” Das sagte der STIKO-Vorsitzende über COVID. Was er nicht sagte: Die Maßnahmen haben sie stärker getroffen als das Virus. #
Die Zahlen, die niemand hören wollte #
Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) unter Prof. Ulrike Ravens-Sieberer ist die umfassendste Langzeituntersuchung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie in Deutschland [1].
Die Ergebnisse:
| Zeitraum | Kinder mit psychischen Auffälligkeiten |
|---|---|
| Vor der Pandemie | ca. 18% |
| 1. Erhebung (Mai-Juni 2020) | ca. 30% |
| 2. Erhebung (Dez 2020-Jan 2021) | ca. 30% |
| 3. Erhebung (Sep-Okt 2021) | leichte Erholung |
Fast jedes dritte Kind in Deutschland entwickelte psychische Probleme. Angststörungen. Depressive Symptome. Psychosomatische Beschwerden. Einsamkeit. Ein Anstieg um zwei Drittel gegenüber der Vor-Pandemie-Zeit [1][2].
Das sind keine abstrakten Prozentzahlen. Das sind Kinder, die nicht mehr schlafen konnten. Die nicht mehr essen wollten — oder nicht mehr aufhören konnten zu essen. Die Bauchschmerzen bekamen, wenn die Schule erwähnt wurde. Die aufhörten zu sprechen.
Was die Kinder durchmachen mussten #
Schulschließungen: 28 Wochen #
Deutschland hielt seine Schulen ca. 28 Wochen lang ganz oder teilweise geschlossen — eine der längsten Schließungsphasen in Europa [3]. Das ifo Institut und das RWI dokumentierten erhebliche Lernverluste und eine Zunahme der Bildungsungleichheit: Kinder aus bildungsfernen Familien verloren am meisten [3].
28 Wochen. Kein Unterricht. Kein Pausenhof. Kein Kontakt zu Gleichaltrigen. Für Grundschüler — Kinder von sechs, sieben, acht Jahren — war das ein halbes Leben.
Maskenpflicht ab 6 Jahren #
In den meisten Bundesländern mussten Kinder ab sechs Jahren im Unterricht Masken tragen. Teilweise medizinische Masken, teilweise FFP2. Stundenlang. Täglich [4].
Die Evidenz für Masken bei Kindern war intern beim RKI als dünn bewertet worden. Die Empfehlung kam trotzdem. Und die Kinder trugen sie — weil sie gelernt hatten, dass sie sonst andere gefährden. Dass sie — ein Sechsjähriger — eine Gefahr für Oma sein könnten.
Spielplatz-Absperrungen #
Im Frühjahr 2020 wurden in den meisten Bundesländern Spielplätze mit Flatterband abgesperrt. Kinder durften nicht klettern, nicht schaukeln, nicht rutschen. Die Polizei kontrollierte [5].
Die epidemiologische Grundlage: nicht vorhanden. Übertragungen an der frischen Luft waren bereits im März 2020 als extrem selten bekannt. Aber das Bild — gesperrte Spielplätze — signalisierte Ernst. Es ging um Symbolik, nicht um Evidenz.
Kontaktverbote #
Kinder durften ihre Freunde nicht treffen. Nicht zu Hause, nicht draußen. Ein Kind pro Haushalt — oder gar keins. Kindergeburtstage waren verboten. Übernachtungen bei Freunden waren verboten [5].
Für Erwachsene war das eine Einschränkung. Für Kinder war es ein Eingriff in die Grundvoraussetzung sozialer Entwicklung.
Was die Experten heute sagen #
STIKO-Vorsitzender Berner #
Der STIKO-Vorsitzende Berner stellte fest, was Kinderärzte von Anfang an sagten: Kinder waren vom Virus selbst nur wenig betroffen. Die schweren Verläufe konzentrierten sich auf ältere und vorerkrankte Erwachsene. Kinder waren nicht die Treiber der Pandemie [6].
Aber Berner ging weiter. Er sprach von “nachhaltigen psychischen Schäden” durch die Maßnahmen — nicht durch das Virus. Die Kinder wurden nicht krank an Corona. Sie wurden krank an der Reaktion der Erwachsenen auf Corona [6].
Lauterbach: “Zu drastisch” #
Karl Lauterbach, der als Gesundheitsminister die Maßnahmen mitverantwortete und als Abgeordneter zu den lautesten Befürwortern harter Einschränkungen gehörte, räumte ein:
“Wir haben bei den Kindern zu drastisch reagiert.” [7]
Ein Satz, für den jeder Elternteil, der 2020 dasselbe sagte, als Covidiot bezeichnet wurde. Jeder Lehrer, der die Schulschließungen kritisierte, als unverantwortlich. Jeder Kinderarzt, der vor psychischen Schäden warnte, als Verharmloser.
Lauterbach sagt 2026 das, was er 2020 als gefährliche Desinformation bekämpft hätte.
Die Diagnosen #
Der DAK Kinder- und Jugendreport und weitere Krankenkassendaten zeigen seit 2020 dramatische Anstiege [8]:
Essstörungen #
Diagnosen von Anorexie (Magersucht) bei Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren stiegen um 30-50% gegenüber den Vorjahren. Kinder, die die Kontrolle über ihr Leben verloren hatten — Schule weg, Freunde weg, Routine weg — suchten Kontrolle über das Einzige, was ihnen blieb: ihren Körper [8].
Angststörungen #
Ein massiver Anstieg von Angstdiagnosen, insbesondere bei Grundschulkindern. Kinder, denen zwei Jahre lang gesagt wurde, dass sie eine tödliche Gefahr für ihre Großeltern seien, entwickelten — wenig überraschend — Ängste [1][8].
Depression #
Depressive Episoden bei Jugendlichen verdoppelten sich in einigen Altersgruppen. Die Kombination aus Isolation, Kontrollverlust und Zukunftsangst traf eine Generation, die noch nicht gelernt hatte, mit solchem Druck umzugehen [1][2].
Suizidversuche #
Die Daten zu Suizidversuchen bei Kindern und Jugendlichen stiegen in mehreren Kliniken signifikant an. Die Universitätsklinik Essen berichtete von einer Verdreifachung bei jungen Mädchen [9].
Wer hat entschieden — und wer hat geschwiegen? #
Die Schulschließungen wurden von Ministerpräsidenten beschlossen. Die Maskenpflicht von Landesregierungen verordnet. Die Spielplätze von Kommunen gesperrt.
Aber die Verantwortung verteilt sich breiter:
- Das RKI hat interne Zweifel an der Maskenpflicht für Kinder nicht öffentlich kommuniziert
- ARD und ZDF haben Eltern, die Schulschließungen kritisierten, als unverantwortlich geframed
- Der Deutsche Ethikrat unter Alena Buyx stufte die Maßnahmen als verhältnismäßig ein
- Lehrerverbände forderten teilweise härtere Maßnahmen — statt ihre Schüler zu schützen
- Kinderärzte, die warnten, wurden marginalisiert
Die Enquete-Kommission des Bundestages hat das Thema Kinder auf die Agenda gesetzt. Welt.de und andere Medien berichten über die Anhörungen [10]. Aber die Frage, die kein Gremium beantworten kann, bleibt:
Wie erklärt man einem Kind, dass es zwei Jahre lang eingesperrt wurde, um es vor einem Virus zu schützen, das ihm statistisch weniger gefährlich war als die Fahrt zur Schule?
Die Enquete-Kommission und die Kinder #
In der Enquete-Kommission “Lehren aus der Corona-Pandemie” kamen die Kinder endlich zur Sprache — drei Jahre zu spät. Sachverständige bestätigten, was die COPSY-Studie in Zahlen gezeigt hatte: Die Maßnahmen haben einer ganzen Generation nachhaltig geschadet [10].
Der STIKO-Vorsitzende stellte klar: Das Virus war für Kinder beherrschbar. Die Politik war es nicht.
Lauterbach räumte vor der Kommission ein, dass die Reaktion bei Kindern überzogen war. Derselbe Lauterbach, der 2021 twitterte, jeder Tag Präsenzunterricht sei ein Risiko.
Die Frage ist nicht, ob Fehler gemacht wurden. Die Frage ist, ob die gleichen Menschen, die sie gemacht haben, die Richtigen sind, um sie aufzuarbeiten.
Was wir schuldig sind #
Die Kinder, die 2020 sechs waren, sind heute zwölf. Sie haben die Hälfte ihrer Grundschulzeit hinter Masken verbracht. Sie haben gelernt, dass Umarmungen gefährlich sind. Dass Geburtstage verboten werden können. Dass der Staat entscheidet, ob man seine Freunde sehen darf.
Manche von ihnen werden das verarbeiten. Manche nicht.
Was wir ihnen schulden, ist keine Entschuldigung. Entschuldigungen sind billig. Was wir ihnen schulden, ist die Wahrheit: Wir wussten es besser. Wir hatten die Daten. Und wir haben sie trotzdem eingesperrt.
Quellen #
[1] Ravens-Sieberer, U. et al.: COPSY-Studie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Mehrere Erhebungswellen 2020-2022. Veröffentlicht in European Child & Adolescent Psychiatry.
[2] UKE Hamburg (2021): Psychische Gesundheit von Kindern hat sich während der Corona-Pandemie verschlechtert. Pressemitteilung.
[3] ifo Institut / RWI (2021-2022): Studien zu Lernverlusten durch Schulschließungen in Deutschland. Ca. 28 Wochen vollständige oder teilweise Schließungen — unter den längsten in Europa.
[4] Länderverordnungen (2020-2022): Maskenpflicht im Unterricht ab 6 Jahren. Medizinische Masken bzw. FFP2-Masken je nach Bundesland und Zeitraum.
[5] Bund-Länder-Beschlüsse (März-Mai 2020): Spielplatzschließungen, Kontaktverbote, Versammlungsverbote. Polizeiliche Durchsetzung dokumentiert.
[6] STIKO-Vorsitzender Berner: Aussagen zur geringen Betroffenheit von Kindern durch COVID-19 und zu nachhaltigen psychischen Schäden durch Maßnahmen. Enquete-Kommission / Fachinterviews.
[7] Lauterbach, K.: “Wir haben bei den Kindern zu drastisch reagiert.” Diverse Medien.
[8] DAK Kinder- und Jugendreport (2022/2023): Signifikante Anstiege bei Diagnosen von Depression, Angststörungen und Essstörungen (insb. Anorexie) bei Kindern und Jugendlichen gegenüber Vorjahren.
[9] Universitätsklinik Essen: Daten zu Suizidversuchen bei Kindern und Jugendlichen. Signifikanter Anstieg, insbesondere bei Mädchen.
[10] Bundestag: Enquete-Kommission “Lehren aus der Corona-Pandemie.” Anhörungen zu Kindern und Jugendlichen. Welt.de / bundestag.de.
30% der Kinder psychisch auffällig. 28 Wochen ohne Schule. Abgesperrte Spielplätze. Und ein Gesundheitsminister, der heute sagt: “Zu drastisch.” Die Kinder konnten sich nicht wehren. Die Erwachsenen wollten nicht.