Im Frühjahr 2020 produzierte das deutsche Bundesinnenministerium zwei Dokumente, die zusammen die deutsche Anwendung der Tabletop-Sprachregelungs-Architektur dokumentieren. Sechs Jahre später treffen die beiden Papiere wieder aufeinander — als Sachverständiger und Befragter im großen Anhörungssaal des Deutschen Bundestags, im Rahmen der Bundes-Enquete-Kommission „Aufarbeitung der COVID-19-Pandemie". Was dort passiert, ist keine Aufarbeitung, sondern eine zweite Anwendung des gleichen Mechanismus.
Am 18. Oktober 2019, in einem Konferenz-Saal des Pierre Hotels an der Fifth Avenue in New York, versammelten sich fünfzehn Personen an einem ovalen Tisch. Die Sitzkarte wirkt aus der Distanz wie eine Liste der Welt-Industrie, in der Pandemie-Reaktion zentral werden würde. Vier Stunden später hatte der fiktive Krisenstab einen Coronavirus-Ausbruch durchgespielt, der über achtzehn Monate 65 Millionen Tote produzierte und Lieferketten, Reise-Industrie, Vakzin-Beschaffung und Krisen-Kommunikation des gesamten Globus betraf.
Am 15. Mai 2018, im Konferenzsaal des Mandarin Oriental Hotels in Washington, versammelten sich zehn ehemalige oder aktive US-Spitzenpolitiker:innen und führende Public-Health-Beamt:innen. 150 geladene Gäste schauten zu. Eine Live-Übertragung lief gleichzeitig auf Facebook. Die Übung hieß Clade X, dauerte einen Tag und endete mit einem fiktiven Endergebnis von 900 Millionen Toten weltweit über 18 Monate. Veranstalter: Johns Hopkins Center for Health Security.
Im Oktober 2017 — zwei Jahre und drei Monate vor dem ersten dokumentierten COVID-Fall in Wuhan — publizierte das Johns Hopkins Center for Health Security ein 89-seitiges Dokument: „The SPARS Pandemic, 2025–2028: A Futuristic Scenario for Public Health Risk Communicators." Es war kein Tabletop, kein NSC-Drehbuch wie Dark Winter, kein transatlantisches Politiker-Format wie Atlantic Storm. Es war Übungsmaterial für Pressestellen, PR-Profis, Risiko-Kommunikatoren und Behördensprecher — ein vorgefertigtes Szenario, das gelesen, nicht gespielt wird.
Am 14. Januar 2005 versammelten sich in einem Konferenz-Saal in Washington zehn ehemalige oder amtierende Regierungschefs aus Nordamerika und Europa, dazu eine ehemalige WHO-Generaldirektorin, plus eine Reihe Außenpolitik-Berater. Sie spielten einen koordinierten Pocken-Anschlag auf sechs Großstädte gleichzeitig: Istanbul, Rotterdam, Warschau, Frankfurt, New York City, Los Angeles. Innerhalb von viereinhalb Stunden Übungs-Zeit stiegen die gemeldeten Fälle von 51 auf 3.320. Die Übung hieß Atlantic Storm.
Vom 22. bis 23. Juni 2001 — drei Monate vor 9/11, fünf Monate vor den Anthrax-Briefen — saßen in einem Briefing-Raum der Andrews Air Force Base bei Washington dreizehn ehemalige Spitzenbeamte der US-Regierung an einem ovalen Tisch und spielten dreizehn Tage Pockenausbruch in dreizehn Stunden. Die Übung hieß Dark Winter.
Am 8. Dezember 2020 veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ihre 7. Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie unter dem Titel „Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen". Sie forderte konkret: Aufhebung der Schulpflicht ab 14. Dezember 2020, Schließung aller nicht der Grundversorgung dienenden Geschäfte ab 24. Dezember, Reduktion sozialer Kontakte „auf einen sehr eng begrenzten Kreis", Homeoffice als Regel, Aussetzung von Sport- und Kulturaktivitäten in Gruppen.