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Dark Winter, Juni 2001: Wer die Pocken probte, formte den Apparat danach

Pandemiepolitik - Dieser Artikel ist Teil einer Serie.
Teil : Dieser Artikel

Vom 22. bis 23. Juni 2001 — drei Monate vor 9/11, fünf Monate vor den Anthrax-Briefen — saßen in einem Briefing-Raum der Andrews Air Force Base bei Washington dreizehn ehemalige Spitzenbeamte der US-Regierung an einem ovalen Tisch und spielten dreizehn Tage Pockenausbruch in dreizehn Stunden. Die Übung hieß Dark Winter.

Es war kein Geheimprojekt. Die Übungs-Dokumente, das After-Action-Report, die Spieler-Liste, das Press-Briefing nach der Übung — alles öffentlich. Der Veranstaltungs-Hinweis stand auf den Webseiten von Johns Hopkins und CSIS. Die Übung hatte gegenüber späteren Tabletops (SPARS 2017, Clade X 2018, Event 201 2019) eine Besonderheit: sie war pre-9/11. Sie wurde vor dem politischen Schock konzipiert, der die nächsten zwei Jahrzehnte US-amerikanischer Bio- und Sicherheitspolitik prägen sollte. Was an Dark Winter strukturell interessant ist, ist nicht das Szenario. Es ist die Spieler-Liste — und was aus den Spielern danach wurde.

Die Übung
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Vier Institutionen veranstalteten Dark Winter gemeinsam: das Johns Hopkins Center for Civilian Biodefense Strategies (CCBS), das Center for Strategic and International Studies (CSIS), das ANSER Institute for Homeland Security (Analytic Services Inc., ein DoD-Auftragnehmer), und das Oklahoma City National Memorial Institute for the Prevention of Terrorism (MIPT, gegründet nach dem Oklahoma-City-Bombing 1995). Die vier Personen, die das Drehbuch schrieben und die Übung durchführten:

  • Tara O’Toole (JHU CCBS)
  • Tom Inglesby (JHU CCBS)
  • Randy Larsen (ANSER)
  • Mark DeMier (ANSER)

Das Szenario: Drei US-Städte (Oklahoma City, Philadelphia, Atlanta) werden gleichzeitig durch Aerosolisierung mit Pocken angegriffen. Drei aufeinanderfolgende Sitzungen des National Security Council über vierzehn Tage hinweg. Spielende: ehemalige Spitzenbeamte, die ihre alten Rollen spielten oder neue übernahmen. Das Ergebnis am Ende der dreizehn Stunden: drei Millionen infiziert, eine Million Tote, kein Ende in Sicht.

Die fünf zentralen Findings der Übung lauteten:

  1. Bioterror sei eine nationale Sicherheitsbedrohung.
  2. Bestehende Strukturen seien für Bioabwehr unzureichend.
  3. Es gebe keine Surge-Capacity in Healthcare, Public Health, Pharma- oder Vakzin-Industrie. Mehr Vakzin-Stockpile, mehr Pharma-Aufträge, mehr Bevorratung seien erforderlich.
  4. Media management sei „eine Hauptherausforderung für alle Regierungsebenen". Krisenkommunikation müsse vorbereitet sein.
  5. Die Eindämmung kontagiöser Bioweapons werfe „ethische, politische, kulturelle, operative und rechtliche Herausforderungen" auf — exekutive Notfallbefugnisse müssten geprüft werden.

Diese fünf Findings sind nicht falsch. Sie sind eindeutig: alles, was die Übung empfahl, lief auf einen institutionellen Apparat-Ausbau hinaus — Vakzin-Bevorratung, Pharma-Beschaffungs-Pipelines, Krisenkommunikation, exekutive Sondervollmachten. Was nicht in den Findings stand: mehr Pädiatrie-Versorgung, Schul-Public-Health, Sozial-Folgen-Forschung, Verfassungs-Verhältnismäßigkeit. Was die Übung als Empfehlung produzierte, war die Skizze einer Bioterror-Industrie. Im Oktober 2001 kamen die Anthrax-Briefe; im Oktober 2002 der Homeland Security Act; 2003 der Project BioShield Act mit 5,6 Milliarden Dollar Bevorratungs-Budget; 2004 das Cabinet-Level Committee on Biodefense.

Die Spieler-Liste
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Rolle in Dark Winter Spieler:in (mit damaligem Stand)
Präsident Sam Nunn (Ex-Senator)
National Security Advisor David Gergen (Ex-Berater Reagan/Clinton)
CIA-Direktor R. James Woolsey (Ex-CIA-Direktor)
Verteidigungsminister John P. White (Ex-Stellvertretender VtgMin)
Joint Chiefs Chairman General John Tilelli (Ret.)
HHS-Ministerin Margaret Hamburg (Ex-Asst Sec HHS)
Außenminister Frank Wisner (Ex-Botschafter)
Justizminister George Terwilliger (Ex-DAG)
FEMA-Direktor Jerome Hauer (Ex-NYC OEM Director)
FBI-Direktor William Sessions (Ex-FBI-Direktor)
Gouverneur Oklahoma Frank Keating (amtierender Gouverneur)

Plus vier echte Reporter:innen, die sich selbst spielten:

  • Jim Miklaszewski (NBC News)
  • Mary Walsh (CBS News)
  • Sian Edwards (BBC)
  • Judith Miller (The New York Times)

Die fettgedruckten Namen sind die, die für eine strukturelle Lektüre der Übung interessant sind.

Die Karriere-Pipeline
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Was nach Dark Winter passierte, ist die eigentliche Information.

Tara O’Toole, eine der vier Übungs-Designerinnen, gründete im Folgejahr (2003) das UPMC Center for Biosecurity in Pittsburgh, dessen CEO und Direktorin sie wurde. 2009 berief Präsident Obama sie zur Under Secretary for Science and Technology im Department of Homeland Security — also exakt jenem Apparat, dessen Notwendigkeit Dark Winters drittes Finding (Surge-Capacity, Bevorratung, Pharma-Pipelines) begründet hatte. In dieser Position bis 2013 verantwortete sie die F&E-Förderung des DHS, einschließlich der Bio-Defense-Programme. Seit 2014 ist sie Senior Fellow und Executive Vice President bei In-Q-Tel — dem 1999 gegründeten Investmentarm der CIA für Technologie- und Biotech-Beteiligungen.

Tom Inglesby, der zweite JHU-Designer, blieb bei Johns Hopkins. Das CCBS wurde umgebaut: erst zum UPMC Center for Biosecurity (gefolgt vom Wechsel zurück nach JHU), dann 2013 umbenannt in Johns Hopkins Center for Health Security. Inglesby leitete es ab dem Wechsel und tut es bis heute. Im Oktober 2019 war das von ihm geleitete Center der Co-Host von Event 201 — der Coronavirus-Pandemie-Tabletop-Übung mit dem World Economic Forum und der Bill & Melinda Gates Foundation, achtzehn Wochen vor dem ersten dokumentierten COVID-Fall in Wuhan. Achtzehn Jahre nach Dark Winter saß derselbe Designer am Tisch derselben Übungsform, mit demselben Findings-Muster.

Margaret Hamburg, in Dark Winter HHS-Ministerin, wurde 2009 von Obama zur FDA-Commissionerin ernannt. Sie leitete die Behörde bis 2015 — und damit die Zulassungs-Architektur für genau die Pharma-Pipeline-Strukturen, deren Notwendigkeit Dark Winters drittes Finding 2001 formuliert hatte.

Jerome Hauer, in Dark Winter FEMA-Direktor, wurde nach 9/11 zum Director of the Office of Public Health Emergency Preparedness im HHS und war zentral involviert in der Anthrax-Reaktion und dem Aufbau des Strategic National Stockpile.

R. James Woolsey — die Dark-Winter-Rolle CIA — war in den folgenden Jahren öffentlich aktive Stimme der Iraq-Hawk-Lobby; er unterzeichnete unter anderem Briefe des Project for the New American Century und war im Vorstand des Committee for the Liberation of Iraq, das 2002 die Invasion publizistisch flankierte.

Vier von dreizehn Spielenden bauten in den folgenden zwölf Jahren genau die Strukturen aus, deren Fehlen ihre eigene Übung diagnostiziert hatte. Mindestens ein weiterer (Woolsey) wurde zur öffentlichen Stimme jener Außenpolitik, die die Bioterror-Erzählung mit der Iraq-WMD-Erzählung verknüpfte. Die Übung war für die Designer kein Lern-Format, sondern ein Karriere-Stipendium. Wer die Pocken probte, baute den Apparat danach.

Die Reporterin
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Die Personalie, die die Reihe schließt, ist Judith Miller. Sie war am 22. Juni 2001 als New-York-Times-Reporterin in Dark Winter und spielte sich selbst — die Reporterin, die einer Pocken-Krise berichtet, die exekutive Notfallbefugnisse rechtfertigt, die die Bevölkerung auf Vakzin-Zwangsmaßnahmen vorbereitet.

Vierzehn Monate später, am 8. September 2002, erschien auf der Titelseite der New York Times Millers gemeinsamer Artikel mit Michael Gordon über die „Aluminium-Röhren" — die zentrale öffentliche Begründung der US-Regierung für die These, der Irak baue Atomwaffen. Die Quelle der Story: Ahmed Chalabis Iraqi National Congress, vermittelt über Pentagon-Insider. Miller mailte ihrem Times-Bureau-Chef John Burns: „Chalabi hat die meisten Front-Page-Exklusiven über WMD an unsere Zeitung geliefert." Die New York Times widerrief 2004 öffentlich, ihre Berichterstattung sei „nicht so rigoros gewesen, wie sie hätte sein sollen". Da hatte der Iraq-Krieg bereits stattgefunden.

Die Funktions-Inversion ist deutlich. Miller hatte vierzehn Monate zuvor in einer Bioterror-Übung trainiert, wie eine Reporterin in einer existenziellen Krise mit anonymen Regierungs-Briefings umgeht — wie sie unter Zeitdruck Fragmente unbestätigter Geheimdienst-Information in eine kohärente Bedrohungs-Erzählung verarbeitet, die exekutive Maßnahmen rechtfertigt. Genau das tat sie 2002. Das Substrat hatte sich geändert (Pocken → Atomwaffen, Bioterror → konventioneller Krieg), das Verhaltens-Schema war dasselbe. Eine Übung, die unter anderem Media management als „Hauptherausforderung" identifiziert hatte, hatte eine Reporterin trainiert, deren Berichterstattung wenige Monate später einen Krieg legitimieren würde.

Das ist keine Konspirations-Behauptung. Es ist ein dokumentierter Übergang zwischen zwei Substraten innerhalb von vierzehn Monaten, mit derselben Reporterin, derselben Methodik (anonyme Pentagon-/CIA-Quellen, hochinszenierte Front-Page-Stories, kein offenes Source-Vetting), demselben Ergebnis (Politik wird informiert, Bevölkerung wird vorbereitet).

Was Dark Winter wirklich war
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Wer den After-Action-Report von Dark Winter heute liest, findet kein Geheim-Plan-Dokument. Findet kein „abgekartetes Spiel". Findet stattdessen das Drehbuch einer Industrie-Geburt, die man unter dem akademischen Mantel einer Übung organisierte.

Die fünf Findings beschreiben präzise, welche Apparate in den folgenden zwölf Jahren mit zweistelligen Milliardenbeträgen aufgebaut werden würden: Strategic National Stockpile, BARDA, Project BioShield, der Bio-Defense-Industrial Complex, das DHS Science & Technology Directorate, das Cabinet Committee on Biodefense, das CDC-Office of Public Health Preparedness. Die Übungs-Designer wurden direkte Auftragnehmer und Beauftragte dieser Strukturen. Die Übungs-Spieler wurden Behördenleiter genau jener Behörden, deren Aufbau die Übung empfohlen hatte. Die Übungs-Reporterin trainierte ein Berichterstattungs-Schema, das vierzehn Monate später einen Krieg legitimieren würde.

Eine Übung beschreibt, was als Apparat fehlt. Wer die Übung designed, identifiziert die Lücke. Wer in der Übung spielt, lernt die Strukturen, die der Apparat haben müsste. Wenn die Übung dann Politik-Welle wird, sind die Designer die ersten, die als Behörden-Leiter berufen werden, weil sie die Strukturen am genauesten kennen. Die Übung ist dann nicht Vorbereitung auf den Apparat; sie ist Casting-Call für den Apparat.

Das ist der strukturelle Mechanismus, der bei Dark Winter zum ersten Mal sichtbar wurde und der sich über Atlantic Storm 2005, SPARS 2017, Clade X 2018 und Event 201 2019 fortsetzte. In jeder dieser Übungen waren die Designer in Auftragnehmer-Strukturen integriert, die anschließend die Politik umsetzten. Bei Event 201 leitete derselbe Tom Inglesby, der Dark Winter mit-designt hatte, die JHU-Seite. Achtzehn Jahre, derselbe Designer, dasselbe Format, dieselbe Karriere-Pipeline.

Schluss
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Dark Winter war nicht die Probe für eine geheime Pandemie. Es war die Probe für eine Industrie. Vier Designer, dreizehn Spieler, vier Reporter:innen — und im Anschluss zwei Jahrzehnte Bio-Defense-Politik, in der die Übungs-Beteiligten zentrale Positionen besetzten und die Übungs-Empfehlungen zu Gesetzen, Behörden und Milliarden-Aufträgen wurden.

Wer die Übung als „Beweis für ein abgekartetes Spiel" liest, missversteht den Mechanismus. Es brauchte kein Spiel. Es brauchte nur, dass dieselben dreizehn Personen, die die Übung absolviert hatten, zwölf Jahre später die Behörden leiteten und ihre Aufträge an die Institute vergaben, in denen sie selbst saßen. Die Übung hat sich in diesem Sinn nicht zwischen 2001 und 2020 wiederholt. Sie hat sich, mit anderen Erregern, in größeren Hallen, mit prominenteren Gästen — fortgesetzt.

Die Reihe öffentlicher Tabletops von Dark Winter (2001) über Atlantic Storm (2005), Clade X (2018), Event 201 (2019) bis zu den COVID-Reaktions-Strukturen ist nicht ein Plan. Sie ist eine institutionelle Karriere-Pipeline. Aufarbeitung beginnt damit, die Spieler-Listen nebeneinander zu legen.


Quellen
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Querverweise innerhalb der Reihe:

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